Skulpturenpar- cours 12 am Ring (Wiesbaden)

~Franziska Puhan-Schulz

Lassen sich Skulpturen in den öffentlichen Raum derart einfügen, dass sie die umgebende Architektur bestärken? Für den in diesem Jahr zum zweiten Mal stattfindenden Wiesbadener Kunstsommer, »12 am Ring«, lässt sich die Frage eindeutig mit ja beantworten. Seit Ende April finden sich zwölf Skulpturen am Fußweg im grünen Mittelstreifen entlang des Kaiser-Friedrich-Rings zwischen Sedanplatz und Gutenbergplatz. Das Terrain ist mit Gras, Büschen und hohen Bäumen bewachsen, mit Trafohäuschen, Sicherungskästen und Papierkörben bestückt, von diversen Kreuzungen unterbrochen und zum Teil von Parkplätzen gesäumt. Durch den umgebenden Verkehr war es bis dato wenig einladend, die historistischen Anleihen und Jugendstilverzierungen der flankierenden mehrgeschossigen Wohnhäuser im sogenannten »Kaiser-Wilhelm-Gedächtnisstil« oder auch Fassaden späterer architektonischer Epochen zu betrachten.
Die zwölf von der Stadt eingeladenen Künstlerinnen und Künstler, waren hier wirklich gefordert, etwas zu schaffen, was mit dem architektonischen Umfeld korrespondiert. Eins von drei besonders gelungenen Beispielen ist die Stahlskulptur »Refuge« des Düsseldorfer Bildhauers Thomas Schönauer. Sie weist eine Bewegung von oben nach unten auf und suggeriert, dass sie vom Himmel auf eine freie Fläche auf dem Mittelstreifen rechts vor der Ringkirche gefallen ist. Ihre zwei abschließenden Raumkörper korrelieren sehr gut mit den zwei vertikalen Haupttürmen der Ringkirche; und sogar die dunkelviolette Farbe erweist sich als ein Mischton aus dem umgebenden Rot des Sandsteins, dem Schwarzgrau des Asphalts und dem Blau des Himmels.
Die Skulptur des Engländers Steve Johnsons »Shrinking Cities« erhebt sich auf drei Meter hohen, runden Eisenpfosten über den Köpfen der Betrachter. Man blickt auf eine gut zwei Meter breite Plattform, die eine Bushaltestelle, eine Laterne und eine Person trägt. So deutet diese Skulptur mit einem Augenzwinkern auf ein mögliches ultimatives Stadium der »schrumpfenden Stadt« hin: eine isolierte Endhaltestelle und den Wunsch, irgendwo anders zu sein. Zugleich korreliert die waagerechte Plattform mit den horizontalen Betonstreben des Siebziger-Jahre-Zweckbaus dahinter.
»Ausbüchsen« (s. Abb.) von Hans-Peter Webel hat sich den als Folge eines Unfalls fehlenden niedrigen Zaun zum Ort gesucht. An der Fehlstelle desselben schlängelt sich ein waagerecht geriffeltes Gipsornament mit einer aufgerissenen Unterbrechung entlang – eine witzige und intelligente Art, den Umgang mit den ornamentreichen Fassaden entlang des Rings zu dokumentieren. So wird der Betrachter immer wieder aufgefordert, über die Skulptur die Architektur und über die Architektur die Skulptur wahrzunehmen.
Bis 3. August. Erster Ring, Wiesbaden. Katalog, Hrsg.: Kulturamt Wiesbaden und Interessengemeinschaft der Galerien Wiesbaden, 24 Euro. www.wiesbadener-kunstsommer.de