RICHARD NEUTRA (HERFORD)

~Hartmut Möller

Der 1892 in Wien geborene Richard Neutra emigrierte nach seinem Studium bei Adolf Loos und ersten Arbeitserfahrungen 1923 in die USA, wo er durch wegweisende Villenbauten – lichte und luftige Raumschöpfungen – den »International Style« maßgeblich mitbegründete.
Dem breiten Publikum indes weniger bekannt sein dürfte die europäische Schaffensperiode aus seinem letzten Lebensjahrzehnt von 1960-70. Dazu gehören acht Villen in der Schweiz, in Deutschland und in Frankreich für prominente Auftraggeber wie den ZEIT-Verleger Gerd Bucerius ebenso wie für Persönlichkeiten aus Wirtschaft (Fritz Rentsch) und Wissenschaft (Prof. Dr. Martin Rang), zwei Wohnsiedlungen für die deutsche Bewobau (Quickborn und Walldorf, s. Abb.) sowie sieben nicht realisierte Bauten (u. a. das Schauspielhaus Düsseldorf und ein Wohnhaus für das Industriellenpaar Henkel).
Wie aber nun übersetzt man Richard Neutras Werk in einem Gebäude von Frank O. Gehry? In dem man beide strickt voneinander trennt! Mittig in den kolossalen Ausstellungssaal wurde eine aus rohem Bauholz gezimmerte Struktur frei im Raum platziert, die direkt aus Neutras Feder stammen könnte. Berührungen zwischen den beiden äußerst unterschiedlichen Architekturen gibt es nicht. Die kurvigen Innenwände des Museums dienen lediglich als Fläche für Dia- und Filmprojektionen. Der Besucher wandelt durch die mit Wandscheiben, Schotten und Dachpergolen zonierte »Villa«, wo die Projekte in den einzelnen Bereichen des Domizils erläutert werden. Da er seinen Entwurfsprinzipien stets treu geblieben ist, wirkt es fast wie ein Klassentreffen mit alten Freunden. Die typischen Elemente seiner Architektursprache (ineinanderverschachtelte Dachflächen, die sogenannten »Spider Legs« – also über die Fassade ausgreifende Deckenbalken, abgefangen von einer Stütze – weit ausladende Terrassen mit verschattenden Lamellen-Konstruktionen, reflektierende Wasserbassins und großformatige Glasfronten) finden sich in den mondänen Häusern wieder.
Gezeigt werden eigens für die Ausstellung angefertigte Modelle sowie Möbel, farbig angelegte Originalaquarelle, -skizzen, und -ausführungspläne. Die Exponate sind so zu Collagen organisiert als seien sie eben erst angepinnt worden. Dadurch entsteht der Eindruck, als würde man selbst am Arbeitsprozess teilnehmen. Den historischen Aufnahmen stehen aktuelle Bilder vom renommierten Architekturfotografen Iwan Baan gegenüber. Sie leisten einen wertvollen Beitrag zur immer stärker in den Fokus drängenden Diskussion vom Umgang mit dem architektonischen Erbe der Nachkriegsmoderne.
Manfred Sack nannte Richard Neutra 1992 noch den »Berühmten unter Kennern«, doch gerade in jüngerer Zeit erfährt sein Œuvre unter Künstlern und Designern eine regelrechte Renaissance. Fotografien seiner Häuser von Julius Shulman – der in einer parallelen Schau gewürdigt wird – gelten heute als Ikonen und prägen unseren Begriff der amerikanischen Moderne. Nun leistet das MARTa Aufklärungsarbeit über die letzte Dekade dieses einflussreichen Baumeisters. Unbedingt empfehlenswert ist dazu auch der opulente Katalog, der als Begleitpublikation obendrein den aktuellen Forschungsstand dokumentiert.
Bis 1. August. Richard Neutra in Europa: Bauten und Projekte 1960-1970. MARTa Herford, Goebenstraße 4-10, Di-So und an Feiertagen 11-18, jeden 1. Mi im Monat 11-21 Uhr, www.marta-herford.de