Radikal Modern (Berlin)

~Oliver G. Hamm

Fast ein Jahr lang war die Berlinische Galerie geschlossen, weil eine neue Sicherheitstechnik eingebaut werden musste. Zur Wiedereröffnung zeigt sie noch bis Ende Oktober eine Ausstellung zum Städtebau und zur Architektur der 60er Jahre in Berlin, die viel Bekanntes, aber auch einige nie zuvor gesehene Preziosen einer Epoche in den Fokus rückt, die wie keine andere zuvor das Erscheinungsbild der geteilten Stadt umkrempelte. Von Ursula Müller, der Leiterin der Architektursammlung der Berlinischen Galerie, kuratiert, schärft die Schau den Blick v. a. für eine seit langer Zeit überwiegend verunglimpfte Ästhetik, weniger für deren geschichtlich-gesellschaftliches Fundament. In sechs thematischen Kapiteln bietet sie Anschauungsmaterial für eine Revision der Nachkriegsmoderne, die in Berlin besonders prägnante Spuren hinterlassen hat.
Die Ausstellung kommt gerade zur rechten Zeit, um einer bisher überwiegend in Fachkreisen geführten Diskussion über die Schutzwürdigkeit der Architektur und ganzer Stadträume der 60er Jahre neue Nahrung zu geben. Allzu vieles ist bereits der jüngsten Stadterneuerungswelle nach der Wiedervereinigung zum Opfer gefallen: Etwa Paul Baumgartens bewusst unpathetische Interventionen im Reichstagsgebäude und die Gaststätte »Ahornblatt« mit ihrer markanten, von Ulrich Müther verantworteten Schalenkonstruktion. »Radikal Modern« erweist diesen und vielen anderen Bauten Referenz, darunter auch einigen Großsiedlungen an der Stadtperipherie. Mit ihrer Gegenüberstellung von Beispielen aus dem West- und dem Ostteil der Stadt versucht Ursula Müller ihre These einer großen Ähnlichkeit in Städtebau und Architektur beiderseits der Mauer trotz der unterschiedlichen politischen Systeme zu untermauern.
Der große Schwachpunkt dieser Ausstellung ist ihre weitgehende Beschränkung auf eine gestalterische Perspektive. Nachdem in der Mode, im Film, in der bildenden Kunst und auch im Interieur Design eine 60er Retroästhetik längst en vogue ist, wird der Besucher den Eindruck nicht los, dass nun auch Architektur und Städtebau jener Zeit ästhetisch aufgewertet werden sollen. Wer etwas mehr über den politischen und planerischen Entstehungskontext vieler Stadträume und Bauwerke erfahren will, muss zum Katalog oder zu älteren Publikationen greifen. In der Ausstellung selbst werden etwa die umstrittenen Kahlschlagsanierungen in West-Berlin, beispielsweise im Wedding, nur am Rande thematisiert. Dabei bildeten sie gewissermaßen den Prolog für das Märkische Viertel oder die heute nach ihrem Architekten benannte Gropiussiedlung, die seit einigen Jahren Schauplatz umfangreicher Stadterneuerungsplanungen sind – worüber man in der Ausstellung aber nichts erfährt.
Allzu oft übernimmt Radikal Modern die Perspektive vieler – aber längst nicht aller – Planer in Ost und West, die in den 60er Jahren die überkommene Stadtstruktur einem radikalen Neuanfang preiszugeben gewillt waren. Wären einige der präsentierten Planungsutopien verwirklicht worden – etwa Josef Kaisers sozialistische Modellstadt mit Großhügelhäusern (s. Abb. oben) für bis zu 22 000 Einwohner und über 10 000 Arbeitsplätze oder die fast 10 km lange »Bandstadt Grunewald« über der Autobahntrasse der AVUS von Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte –, sähe Berlin heute anders aus.
Bis 26. Oktober. Radikal Modern. Planen und Bauen im Berlin der 60er Jahre, Berlinische Galerie, tägl. außer Di 10-18 Uhr. Katalog (Wasmuth Verlag) 29,80 im Museumsshop, 39,80 Euro im Buchhandel, www.berlinischegalerie.de