Peter Eisenman (Wien)

Das Timing war perfekt: Einen Tag, bevor auf dem Gelände des Holocaust-Mahnmals in Berlin die letzte der 2711 Betonstelen verankert wurde, eröffnete das Museum für Angewandte Kunst (MAK) in Wien eine große Ausstellung von und über Peter Eisenman. Direktor Peter Noever, der seit über zehn Jahren das einst verstaubte Kunstgewerbemuseum mit viel zeitgenössischer Kunst und Architektur zu immer neuen Gipfeln treibt, hatte auf ein maximales Medienecho gesetzt und wieder einmal gewonnen. Was zugleich aber bedeuten könnte, dass zumindest in der lokalen Presse eine Ersatzhandlung bejubelt wird, denn Österreich hat ein weitaus schwächeres Gedächtnis an die Zeit des Nationalsozialismus als das gedenkstättenerprobte Deutschland.

Eisenman beteuert zwar, seine Rauminstallation sei eine Hommage an Adolf Loos und Sigmund Freud, aber die Parallelen zum Berliner Stelenfeld sind offensichtlich. In die große, hohe Ausstellungshalle des MAK wurde eine Zwischendecke eingezogen, die sich auf dreißig, in einem Raster aufgestellte Kuben von etwa zweieinhalb Metern Höhe abstützt. Enge und das Gefühl von Unsicherheit habe er damit erzeugen wollen, erklärt der Architekt. Eine körperliche Erfahrung also, die auch sein Mahnmal in Berlin bestimmen wird. Weiter reichen die Ähnlichkeiten nicht, aber das genügt, um die Ausstellung mit der Aura des Unheilvollen zu tränken, die Eisenman zu seinem Markenzeichen entwickelt hat.
Würde er nicht mit seinen Bauten das Gegenteil beweisen, müsste man ihn als Zerstörer, nicht als Architekten bezeichnen. Mit jedem neuen Projekt rebelliert Eisenman gegen die Vorstellung, ein Bauwerk sei in erster Linie ein zweckmäßiges Objekt zum Schutz gegen Unsicherheiten des Lebens und der Umwelt.
Eben nicht, ruft der 1932 geborene Theoretiker nun schon seit Jahrzehnten und verkündet in immer neuen Anläufen das Ende aller Sicherheiten. Seine frühen Wohnhäuser traktierten ihre vermögenden Ostküsten-Bewohner mit kartondünnen Wänden und Stützen, die mitten durchs Schlafzimmer schnitten, weil Eisenman das Formvokabular der Moderne ad absurdum führen wollte. Seine Begeisterung für die schier endlose Zerlegung von kubischen Formen geht auf die intensive Beschäftigung mit dem italienischen Rationalisten Giuseppe Terragni zurück, dessen Casa del Fascio auch in Wien noch einmal gründlich auseinander genommen wird. Wie alle Exponate ist diese Analyse in einem der Würfel versteckt, die der Besucher betreten muss, um aus der Dunkelheit der Ausstellung ins bisweilen grelle Licht der Eisenman’schen Erkenntnisse zu gelangen. Neben Modellen und Videos sind einige der Kuben mit räumlichen Installationen bestückt, die bestimmte Aspekte einiger Projekte zeigen sollen. Das heißt, wie immer bei Eisenman, dass mit viel Sperrholz und weißer Farbe gearbeitet wird, um Räume zu erzeugen, die keinen anderen Zweck haben, als purer Raum zu sein. Wie immer bei Eisenman klingen diese Kulissen theoretisch-geometrischer Spielereien recht hohl, wenn man dagegen klopft, aber das muss wohl bei einem so sein, dem die Gewissheiten in der Architektur alle zu Staub geworden sind.
In einem der Würfel kann man nach oben steigen, um den Kopf durch die abgehängte Decke zu strecken: Räume sind dazu da, um hinter ihre Verkleidungen zu schauen. Nur das Berliner Mahnmal verweigert sich als erstes und einziges Werk Eisenmans dieser Doppelbödigkeit. Dessen massive Betonstelen sind alles andere als nur Behauptungen. Oliver Elser
Peter Eisenman – Barfuß auf weiß glühenden Mauern. Bis 22. Mai, Museum für Angewandte Kunst, Wien, Stubenring 5, Di 10 – 24 Uhr, Mi – So 10 – 18 Uhr, Katalog 34 Euro, www.mak.at