Stahlkirche, Köln, Otto Bartning
Stahlkirche, Köln, Otto Bartning

Otto Bartning (Berlin)

~Hubertus Adam

Das Spektrum von Otto Bartnings (1883-1959) architektonischem Schaffen reicht von der Reformarchitektur vor dem Ersten Weltkrieg über den architektonischen Expressionismus und die klassische Moderne bis hin zur Wiederaufbauarchitektur nach 1945, umfasst also mehr als ein halbes Jahrhundert unter vier verschiedenen Staatsformen. 1883 in Karlsruhe geboren, gehörte Bartning der gleichen Generation von Architekten an wie Walter Gropius, Bruno Taut oder Erich Mendelsohn, zu denen er enge Kontakte unterhielt – ob als Mitglied des Arbeitsrats für Kunst, Gründungsmitglied der Architektenvereinigung »Der Ring« oder Nachfolger von Walter Gropius an der Weimarer Bauhochschule nach der Übersiedlung des Bauhauses nach Dessau. Auch wenn Ikonen wie das Modell der expressionistischen Sternkirche (1921/22) oder der Bau der Essener Auferstehungskirche in keiner Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts fehlen, stand Bartning postum lange im Schatten seiner prominenteren Kollegen. Das mag mit der Tatsache zu tun haben, dass er zwischen 1933 und 1945 Deutschland nicht verließ und daher von der internationalen Architekturhistoriografie weniger beachtet wurde. Sicher auch mit seiner – verglichen mit anderen Exponenten des Neuen Bauens – eher moderaten, nicht radikalen Haltung. Aber auch mit der langwierigen Inventarisierung und Aufarbeitung seines an der TU Darmstadt gesichteten Nachlasses. So schließt die bislang umfangreichste Otto-Bartning-Ausstellung, die derzeit in der Akademie der Künste am Hanseatenweg im Berliner Hansaviertel zu sehen ist, eine der immer noch vorhandenen Wahrnehmungslücken in der deutschen Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Mit dem Darmstädter Archivmaterial, das zu großen Teilen bislang noch nicht ausgestellt wurde, konnte die Ausstellung grandios bestückt werden, dazu kommen Leihgaben anderer Institutionen, am derzeitigen Ausstellungsort natürlich insbesondere die expressionistischen Visionen Tauts, Scharouns oder der Luckhardts aus der Baukunstsammlung der Akademie. Sandra Wagner-Conzelmann, die in Darmstadt ein DFG-Forschungsprojekt geleitet und eine Habilitationsschrift zu Bartning verfasst hat, gliedert die Ausstellung in elf Kapitel, welche auf kluge Weise den Lebensstationen des Architekten folgen und seine wichtigsten Werkgruppen thematisieren. Die Gestalterin Simone Schmaus hat dafür den großen Ausstellungssaal des Akademiegebäudes von Werner Düttmann durch eine großzügige Installation von weißen Wandscheiben (für die Pläne) und Tischvitrinen (für die kleinformatigeren Materialien und Dokumente) gegliedert.
Schwerpunkte der Ausstellung sind u. a. Bartnings lebenslanges Interesse an der Reform des evangelischen Kirchenbaus, das mit einer Reihe von Bauten im Geiste der liturgischen Reform vor 1914 einsetzte und sich schließlich im Notkirchenprogramm für das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen nach 1945 manifestierte, aber auch sein soziales Engagement im Kontext des Neuen Bauens, etwa durch die Teilnahme an der Großsiedlung Siemensstadt und der Reichsforschungssiedlung Haselhorst in Berlin. Nach dem Zweiten Weltkrieg lancierte Bartning, nunmehr in Darmstadt ansässig, mit dem Zweiten Darmstädter Gespräch 1952 den Diskurs über die Architektur, war für die dortigen »Meisterbauten«verantwortlich und konzipierte maßgeblich die städtebauliche Grundlage für die Internationale Bauausstellung 1957 im Berliner Hansaviertel. Anlässlich von deren 60-jährigem Jubiläum ist es also die richtige Ausstellung am richtigen Ort.
Bis 18. Juni. Otto Bartning – Architekt einer sozialen Moderne. Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin, Mo-So 10-22 Uhr. Weitere Stationen: Karlsruhe und Mathildenhöhe