Ornament neu aufgelegt (Basel)

~Anneke Bokern

Die Idee, eine Ausstellung über das Ornament in der zeitgenössischen Architektur zu organisieren, erscheint auf den ersten Blick nicht allzu originell. Das Thema ist in letzter Zeit wirklich ausgiebig diskutiert und durchexerziert worden, und inzwischen dürfte auch der Letzte mitbekommen haben, dass Ornamentik in der Architektur wieder salonfähig ist. Einen guten Grund für die Ausstellung im Schweizer Architekturmuseum gibt es dennoch: Es ist dieses Jahr exakt hundert Jahre her, dass Adolf Loos sein legendäres Pamphlet »Ornament und Verbrechen« publizierte. Auf das runde Jubiläum eines derart einflussreichen Textes zu reagieren, liegt nahe – vor allem, wenn seine Relevanz seit Kurzem wieder einmal infrage gestellt scheint.
In den drei Räumen des SAM präsentieren die Kuratoren Oliver Domeisen und Francesca Ferguson deshalb 17 neuere Projekte, bei denen Ornamentik eine grundlegende Rolle spielt. Sie sind mit einigen historischen Referenzen und Verweisen kombiniert, die die Bauten jeweils in einen größeren Zusammenhang einordnen. Den Auftakt bilden drei Projekte, die das schlagkräftigste Argument für die Wiedereinführung des Ornaments repräsentieren: seine technische Machbarkeit. »Der chinesische schnitzer arbeitet sechzehn stunden, der amerikanische arbeiter acht«, schrieb Loos, auf mehr Freizeit für die Chinesen durch Beseitigung des Ornaments hoffend. Stattdessen wurde jedoch das Ornament aus der Handwerklichkeit befreit. Bearth & Deplazes mit Gramazio & Kohler lassen einen Roboter Ziegelwände mit Flechtstruktur bauen (s. db 6/08 S. 44), Barkow Leibinger experimentieren mit drehbaren Wandschirmen aus angeschnittenen Stahlrohren und Berthelier Fichet Tribouillet haben für ihre Mediathek in Tours Acryl-Fassadenplatten mit wunderschön glitzernden Messingspänen beschichtet.
Damit wäre die gängigste Rechtfertigung des Ornaments bereits geliefert und kann die Ausstellung zu seinem ästhetischen Wert übergehen. Projekte von Toyo Ito (s. Abb.) und Hitoshi Abe, die Baum- und Blattmotive abstrahieren, illustrieren den Bezug des architektonischen Ornaments zur Natur; eine Rocaillen-Skulptur von Evan Douglis sowie Thomas Heatherwicks, entfernt gürteltierartiges East Beach Café zeugen von seiner Sinnlichkeit. Wobei man sich durchaus fragen kann, ob bei letzterem nicht Skulpturalität und Ornamentik verwechselt werden. Ist jede Form, die nicht reine Funktion ist, gleich Ornament?
Im letzten Teil der Ausstellung geht es dann wieder um Handfesteres: das Ornament als (kommerzielle) Ikone, von Jun Aokis Louis-Vuitton-Logo-Fassade in Tokyo über Manuelle Gautrands Citroën-Showroom in Paris bis hin zu den Miestakes auf dem IIT McCormick Tribune Campus in Chicago. Dort hat Rem Koolhaas aus Piktogrammen ein riesiges Mies-Porträt zusammengesetzt, das auf dessen übermächtige geistige und architektonische Präsenz auf dem Campus verweist. »Verschmitzte Ikonographie« nennt der Architekturkritiker Shumon Basar das.
Viel Neues hat die Schau nicht zu bieten, aber sie ist ein guter Überblick über die Richtungen, in die die Ornamentik sich derzeit entwickelt. Ihr historischer Zusammenhang kommt allerdings zu kurz. Hinter den Exponaten hängen zwar Fahnen an den Wänden, auf denen ein paar schwarzweiße Referenzbildchen zu sehen sind, aber sie sind zu fragmenthaft, um wirklich etwas zum Thema beitragen zu können. Damit bleiben sie ungefähr so oberflächlich und nichtssagend, wie Loos das Ornament an sich fand.
Bis 21. September. SAM Schweizerisches Architekturmuseum, Basel, Steinenberg 7, Di, Mi, Fr 11–18, Do 11–20:30, Sa, So 11–17 Uhr. www.sam-basel.org