NEUE BAUKUNST (Oldenburg)

~Hartmut Möller

Neben zwei großen Fahnen an der Oldenburger Schlossfassade verweist ein Architekturmodell im Foyer auf die für den Ort eher un- typische Ausstellung. Obwohl eine ebensolche unter gleichem Namen hier bereits 1928 von Walter Müller-Wulckow initiiert wurde. Der Gründungsdirektor (die Abb. von 1919 zeigt ihn an seinem Schreibtisch) des Landesmu- seums für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg wollte die zeitgenössische Architektur einem möglichst großen Publikum zugänglich machen. 1916 nahm der Kunsthistoriker hierfür erstmals Kontakt zum Verleger Karl Robert Langewiesche auf, der sich durch Massenproduktion zu niedrigsten Preisen ebenfalls als Bildungsvermittler für eine breite Allgemeinheit verstand. Aus der ehemaligen Vermarktungsmethode, seine Werke in blaue Schutzumschläge zu hüllen, entwickelte sich ein fortlaufendes Gestaltungskonzept für eine Reihe namens »Blaue Bücher«. Beide beschlossen eine Zusammenarbeit, die allerdings aufgrund des Kriegs und seiner Auswirkungen erst 1925 im Band »Bauten der Arbeit und des Verkehrs« zur Umsetzung kam. Wegen der hohen Nachfrage folgten 1928 zeitgleich zwei weitere Ausgaben über »Wohnbauten und Siedlungen« sowie »Bauten der Gemeinschaft« und 1932 »Die deutsche Wohnung der Gegenwart«.
Der Rundgang durch die derzeitige Ausstellung in Oldenburg »Neue Baukunst! Architektur der Moderne in Bild und Buch« führt durch ein nachempfundenes Arbeitszimmer des scheinbar sammelwütigen Müller-Wulckow. Aus der Korrespondenz mit über 300 Architekten resultiert ein überaus bedeutendes architekturhistorisches Zeugnis. Jedem der vier Buchhefte ist ein eigener Raum gewidmet. Gezeigt werden zahlreiche Originalfotos, -pläne und -skizzen ebenso wie Schriftstücke und Möbel. Dass sich ein Gebäude durch eine einzige Abbildung aber nur schwer erfassen lässt, machen die Modelle und Filmanimationen deutlich, die in Kooperation mit der nahe gelegenen Jade Hochschule entstanden. Aus heutiger Sicht scheint die für die Bücher getroffene Projektauswahl bisweilen skurril, ein vereinheitlichtes Bild der Moderne, wie wir sie heute kennen, war noch nicht existent. Dadurch ergibt sich ein interessanter Querschnitt, der außer den üblichen Verdächtigen wie Peter Behrens, Walter Gropius, Erich Mendelsohn, Ernst May oder Paul Bonatz auch unbekannte Vertreter des »Neuen Bauens« präsentiert. Die von Claudia Quiring und Andreas Rothaus kuratierte Schau ist auch deswegen besonders sehenswert, weil sie selbst berühmte Bauwerke aus ungewöhnlichen Perspektiven zeigt. Schließlich hatte Müller-Wulckow etliche eingereichte Unterlagen, die nicht für den Druck bestimmt waren, privat archiviert. An den Schauwänden hängen nun hauseigene Exponate (holzgerahmt) neben Leihgaben der Albertina Wien (in blauen Alurahmen). Diese waren aus dem Verlag nach Österreich gelangt. Zur Auflockerung des Parcours thematisieren drei weitere Kabinette zwischendurch den missionarischen Eifer des Sammlers (in Form von Vorträgen und Ausstellungen) sowie die Architekturfotografie und -publikationen zu seiner Zeit. Zweifellos lassen Typografie und Machart erkennen, dass sich die »Blauen Bücher« nicht an ein Fachpublikum richteten. Ungeachtet dessen handelt es sich bei 135 000 verkauften Exemplaren um die auflagenstärkste Veröffentlichung der 20/30er Jahre auf diesem Gebiet. So sei allen, die es nicht rechtzeitig nach Oldenburg schaffen, der hervorragende Katalog als auch die weiteren Stationen im Bauhaus-Archiv Berlin und im Architekturmuseum Breslau empfohlen.
Bis 23. Februar. Neue Baukunst! Architektur der Moderne in Bild und Buch. Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, Schloss, Schlossplatz 1, 26122 Oldenburg, Di-So 10-18 Uhr, www.landesmuseum-oldenburg.niedersachsen.de