Munio Weinraub und Amos Gitai (München)

~Klaus F. Linscheid

Munio Weinraub (1909–1970) erhielt seine Architekturausbildung am Bauhaus und zählt zu den bedeutendsten Protagonisten des Neuen Bauens in Israel. Sein Sohn, Amos Gitai, studierte ebenfalls Architektur, bevor er zu einem international renommierten Regisseur und Chronisten des Landes avancierte. Was Vater und Sohn sonst noch verbindet, zeigt die aktuelle Ausstellung »Munio Weinraub und Amos Gitai – Architektur und Film in Israel« des Architekturmuseums der TU München.
Als jüngster von vier Söhnen wird Munio Weinraub 1909 in Polen geboren. Nach einer Tischlerlehre in Berlin studiert er von 1930–32 unter anderem bei Josef Albers und Wassily Kandinsky am Bauhaus in Dessau. Nach der Schließung des Bauhauses gelangt er auf Umwegen nach Palästina, wo er 1934 ein Architekturbüro in Haifa gründet. Zusammen mit seinem späteren Büropartner Al Mansfeld hat der Bauhäusler maßgeblichen Anteil am Aufbau des Staates Israel. Sein Engagement gilt vorwiegend dem Wohnungsbau, wobei das Errichten einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk stets sein zentrales Anliegen war. Weinraub plant unter anderem 16 Kibbuzzim, aber auch Kultureinrichtungen, Fabriken und Gedenkstätten, insgesamt mehr als 250 Gebäude. Über zwanzig Jahre unterrichtet er am Technion, dem Israel Institute of Technology; die Ideen der europäischen Moderne fallen in Eretz Israel (Land Israel) auf fruchtbaren Boden. Im Jahre 1942, als die ersten Anzeichen des Holocaust in Palästina bekannt werden, legt Weinraub die Grundzüge einer Holocaust-Gedenkstätte, aus der später Yad Vashem entstehen sollte.
Amos Gitai (geb. 1950) studiert unter dem Einfluss des Vaters ebenfalls Architektur. Ab den siebziger Jahren widmet er sich jedoch zunehmend dem Film. Bis heute entstanden rund achtzig Kurz-, Dokumentar- und Spielfilme, die mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet wurden. Gebäude spielen in seinen Filmen immer wieder eine zentrale Rolle. Das »Bait« (hebräisch sowohl Haus als auch Heimat) wird zur (sozialkritischen) Metapher. 1980 gelingt Amon Gitai mit dem Dokumentarfilm »House« der internationale Durchbruch. Anhand eines Gebäudes in West-Jerusalem stellt er Vertreibung, Besetzung und den damit einhergehenden Verlust von Heimat und Identität dar. Seine charakteristischen, endlos lang erscheinenden Sequenzen symbolisieren die wechselvolle, langwierige und leidvolle Beziehung zwischen Juden und Arabern. Die Zensur dieses und eines weiteren Films in Israel veranlasst Gitai schließlich, Israel zu verlassen und nach Paris ins Exil zu gehen.
2003 erklärte die UNESCO die moderne Architektur der dreißiger Jahre in Tel Aviv zum Weltkulturerbe. Damals entstanden die ersten Kontakte zwischen Amos Gitai und dem Architekturmuseum München, die schließlich dazu führten, dass das Museum den Nachlass von Munio Weinraub übernahm. Aus diesem Anlass ist nun das Werk von Vater und Sohn in einer geschickten Vernetzung zu erleben. Zeichnungen und viele Modelle des Vaters werden ergänzt durch kleine Kabinette, in denen Filmausschnitte des Sohnes den Bezug zum sozialen Umfeld der Architektur darstellen. Das macht die Ausstellung nicht nur lebendig und anschaulich, sondern verdeutlicht auch das soziale Engagement der Protagonisten. Kuratiert wurde die Ausstellung von Mirjana Grdanjski, Ita Heinze-Greenberg und Anna Schlieben.
Bis 8. Februar. Pinakothek der Moderne, Architekturmuseum der TU München, Barer Str. 40, Di–So 10–18, Do bis 20 Uhr www.architekturmuseum.de