MAX BILL (HERFORD)

~Hartmut Möller

2008 jährt sich der hundertste Geburtstag des Multitalents Max Bill, den das MARTa in Herford mit einer umfassenden Retrospektive würdigt. Eingestimmt wird der Besucher mit Grafiken aus Bills Studienzeit am Dessauer Bauhaus, die deutlich von den Lehrmeistern Klee und Kandinsky beeinflusst sind. Nicht von ungefähr brachten die frühen Arbeiten dem Absolventen bei einem Galeristen den Tadel ein, er solle doch mal etwas Eigenes machen. In den folgenden Räumen erschließt sich dann die ausgesprochene Mehrfachbegabung des Schweizer Künstlers, die ihm zu Recht den Titel »letzter Leonardo« einbrachte. Im mächtigen, als Dom bezeichneten Saal stehen zwei Großplastiken. Die Pavillon-Skulptur – eine hohle, würfelartige Struktur aus massiven 3,15 Meter langen Schichtholzbalken – kann sogar als Sitzgelegenheit genutzt werden. Ein idealer Platz, um die großformatigen, geometrischen und farbenfrohen Gemälde an den hohen Wänden auf sich wirken zu lassen. Zwischen diesen vom Konstruktivismus und De Stijl geprägten Werken hängen Bilder von Zeitgenossen Bills wie Rodtschenko, Malewitsch, Vantongerloo, van Doesburg und Schwitters, die ihm Inspirationsquellen waren. In der anschließenden Galerie verweisen maschinell produzierte Holzmöbel, die auch heute noch in Schulgebäuden zu finden sind, auf sein zeitloses Design.
Schönheit definierte Max Bill als Resultat einer klaren, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierenden Ordnung. Wie differenziert er dabei vorging, ist unter anderem in den Lithografien »fünfzehn variationen über ein thema« zu sehen, die formale Zusammenhänge einer Spirale untersuchen. Auch in der Bildhauerei folgte der Wegbereiter und Wortführer der Züricher Konkreten mathematischen Gesetzmäßigkeiten. Bei der »familie von fünf halben kugeln« sieht jede von ihnen durch Teilungen und Schnitte vollkommen unterschiedlich aus. Dennoch hat jeder dieser Körper das exakte Volumen einer Halbkugel. Einmal mehr erleichtert die präzise Betitelung dem Museumsbesucher das Nachvollziehen des jeweiligen Ordnungsprinzips, das man kaum in den zunächst willkürlich wirkenden Objekten vermuten würde. Zwar scheint die von Jan Hoet und Friederike Fast kuratierte Ausstellung keinem bestimmten Schema zu folgen, der zweite Blick aber verrät die scharfsinnige Kombination der gezeigten Exponate, zwischen denen disziplinübergreifend gestalterische Bezüge bestehen. Schade, dass Bills Baukunst lediglich in Plänen an einer Wand berücksichtigt wird. Dennoch verschlägt die einzigartige Vielfalt und Masse des Gesamtwerks dem Betrachter die Sprache. Die Präsentation seines vielseitigen Schaffens ist Angela Thomas Schmid zu verdanken, die den Nachlass ihres verstorbenen Mannes öffnete und auch selbst an der Ausstellungsgestaltung mitgewirkt hat. Sitzbänke, Tische und der legendäre Ulmer Hocker, auf dem man verweilen darf, werden sonst tatsächlich in ihrem Haus genutzt. Dadurch erhält die Schau eine private Note, die sich auch in den teilweise sehr persönlichen Fotografien des Katalogs widerspiegelt.
Bis 30. März. MARTa Herford, Goebenstraße 4–10, Di–So und feiertags 11–18, jeden 1. Mi im Monat 11–21 Uhr, freier Eintritt 19–21 Uhr, Karfreitag geschlossen. Katalog deutsch/englisch, 28 Euro. Die Begleitausstellung »Wenn ein Reisender in einer Winternacht – Variationen über Max Bill« untersucht das Nachwirken Max Bills in zeitgenössischer Kunst. www.marta-herford.de