Lightopia (Weil am Rhein)

~Christian Schönwetter

Kunstlicht als Kulturgut – das ist die thematische Klammer, von der die breit gefächerte Ausstellung »Lightopia« zusammengehalten wird. Das Vitra Design Museum nimmt nicht nur Leuchtendesign ins Visier, sondern auch Lichtkunst und Architekturbeleuchtung. So umfassend und interdisziplinär hat sich bisher keine Präsentation dem Thema genähert. Den Anfang macht eine Betrachtung über die gesellschaftliche Bedeutung von Licht. Eine Weltkarte in fotografischer Darstellung zeigt, wo nachts die Laternen leuchten – und wo nicht. Sie führt vor Augen, wie der Reichtum der westlichen Länder mit dem Zugriff auf die Ressource Kunstlicht zusammenhängt. Daneben sind aber auch Projekte dokumentiert, die in Weltregionen ohne Stromnetz Menschen mit Kunstlicht versorgen wollen, um dort die wirtschaftliche Entwicklung zu forcieren. Nicht zuletzt geht es auch um die emotionale Komponente des Lichts, die etwa zutage trat, als das EU-Verbot der Glühbirne zu einem lauten Aufschrei führte. Die Ausstellung zeigt eine Petition aus dem Jahr 2010, in der knapp 100 renommierte Architekten und Künstler von Matteo Thun über Hadi Teherani und Hans Kollhoff bis zu Georg Baselitz sich für den Erhalt der Glühbirne als Teil unserer Kulturgeschichte stark machten.
Im zweiten Raum tummeln sich dann Ikonen des Leuchtendesigns. Erstmals gewährt das Museum hier Einblick in seine Sammlung und zeigt 43 Klassiker, etwa ein altes Modell der Wagenfeld-Leuchte oder Richard Sappers berühmte Tizio. Der größte der vier Säle wendet den Blick vom Produktdesign weg auf das gestalterische Potenzial des Lichts selbst, auf seine Wirkung im Raum. Monumentale Inszenierungen wie Albert Speers Lichtdome oder die Lightshow bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking zeigen den Einsatz von Licht im großen Maßstab. Für den Ausstellungsbesucher lassen sich diese Effekte nur indirekt auf Fotografien und Filmen nachvollziehen. Ein bescheideneres Werk, dafür direkt erlebbar, ist etwa ein Nachbau der legendären Bozener Bar »Il Grifoncino«, bei der ab 1968 Leuchttische aus transparentem Kunststoff das psychedelische Interieur prägten. Doch am eindrucksvollsten lässt sich die Kraft des Lichts in einer Rauminstallation von Carlos Cruz-Diez erfahren: Der Besucher schreitet durch irritierend schattenlose Räume und spürt förmlich den Elektrosmog, den eine Armada blendender Neonröhren in unterschiedlichen Farben verströmt – »Chromosaturation« heißt das Werk treffenderweise.
Zum Abschluss wagen die Kuratoren einen Blick in die nahe Zukunft. Welche neuen Techniken eröffnen welche neuen Möglichkeiten? Das Potenzial von LEDs, OLEDs und elektronischen Steuerungen ist noch lange nicht ausgereizt. Bereits jetzt werden Straßenlaternen im öffentlichen Raum von Bewegungsmeldern aktiviert, Stadtbeleuchtungen beginnen auf das Mondlicht zu reagieren und ganze Fassaden avancieren zu künstlerisch gestalteten Leuchtflächen. Im Modedesign gibt es erste Beispiele leuchtender Textilien – momentan zwar nur für Bühnenkostüme, doch die Entwicklung schreitet schnell voran. Und der britische Designer Paul Cocksedge treibt mit seiner poetischen Installation »Bourrasque« die Miniaturisierung auf die Spitze: Eine Schar hauchdünner elektroluminiszenter Blätter scheint frei im Raum zu schweben – ein Vorgeschmack auf künftiges Leuchtendesign.
Lightopia spannt den Bogen also ausgesprochen weit. Vielleicht zu weit. Jedes einzelne Thema wäre eine eigene Ausstellung wert, die das gesamte Museum füllen könnte. Gerne würde man einmal die komplette Leuchtensammlung des Museums sehen, gerne Lichtkunst von James Turrell im Original erleben, gerne mehr über Architekturbeleuchtung erfahren. Wer daher das Gefühl hat, dass in der komprimierten Zusammenschau zwangsläufig der ein oder andere wichtige Aspekt fehlt, dem sei der Katalog empfohlen: Er gibt einen umfassenden Überblick über Geschichte, Gegenwart und Zukunft des gestalterischen Umgangs mit Licht und lässt kaum Fragen offen.
Bis 16. März. Vitra Design Museum, Charles- Eames-Str. 2, 79576 Weil am Rhein, tägl. 10-18 Uhr, Katalog 79,90 Euro, Rahmenprogramm: www.design-museum.de