le corbusier (weil am rhein)

Spontan sind wir geneigt zu fragen: Schon wieder eine Ausstellung über Le Corbusier, was kann sie wohl Neues zeigen? Bereits während des Studiums ist uns der Großmeister der Moderne immer wieder begegnet, so dass wir glauben, über ihn und sein Schaffen ausreichend informiert zu sein. Tatsächlich ist die Ausstellung »Le Corbusier – The Art of Architecture« im Vitra Design Museum in Weil am Rhein aber nach zwanzig Jahren die erste breit angelegte Retrospektive auf Le Corbusiers Gesamtwerk. Und damit nicht genug, sie betrachtet Person und Werk aus einer ungewohnten Perspektive und macht die Ergebnisse der neusten Forschungen zur Basis des Ausstellungskonzepts. So ist, nicht zuletzt wegen der Eröffnung der restaurierten Maison Blanche von 1912 vor zwei Jahren, sein Frühwerk stärker ins Blickfeld gerückt; auch erfährt Le Corbusiers künstlerisches Schaffen und seine Tätigkeit als Buchgestalter und Autor inzwischen größere Aufmerksamkeit.

Die inhaltliche Klammer der Ausstellung, die weder konsequent chronologisch noch strikt thematisch aufgebaut ist, bildet die von Le Corbusier angestrebte »Synthese der Kün- ste« und die These, dass der Architekt seine gestalterische Inspiration aus der Beschäftigung mit der Kunst seiner Zeit und der eigenen künstlerischen Praxis gewonnen hat.
Die Präsentation, die in drei Bereiche gegliedert ist, beginnt im ersten Teil (»Kontext«) mit der Darstellung der wichtigsten Stationen und Themen seines Lebens: seiner Heimatstadt La Chaux-de-Fonds im Schweizer Jura, in der er um 1900 den Beruf des Uhrengraveurs lernte, seinen ersten Bauten sowie seinem zweifelhaften »Plan Voisin« von 1925, dem das halbe Pariser Zentrum zum Opfer gefallen wäre, um Platz für Hochhäuser auf kreuzförmigem Grundriss zu schaffen. Die zweite Sektion »Privatsphäre und Öffentlichkeit« widmet sich den Raumkonzepten und -gestaltungen. Seine berühmten Wohnhäuser der Zwanzigerjahre, zum Beispiel das Doppelhaus für Albert Jeanneret und Raoul La Roche (1923), tauchen hier ebenso auf wie sein Konzept der Wohnmaschine und die dazugehörigen Stahlrohr-Typenmöbel. Der letzte Teil der Ausstellung »Gebaute Kunst« beginnt schließlich mit den epochalen Bauprojekten der vierziger und fünfziger Jahre: der Unité d’ Habitation in Marseille, Notre-Dame-du-Haut in Ronchamp und den städtebaulichen Planungen für Chandigarh, der neuen Hauptstadt des indischen Teilstaats Punjab. Es sind vor allem diese Projekte – aber auch der relativ unbekannte, 1958 auf der Weltausstellung in Brüssel errichtete Philips-Pavillon, der im letzten Raum gezeigt wird – mit denen es Le Corbusier gelungen ist, seinen Anspruch der »Synthese der Künste« einzulösen.
Für die kuratorische Qualität garantieren in jedem Teil der Schau der Kunsthistoriker Stanislaus von Moos und der Architekt Arthur Rüegg, die derzeit wohl besten Le Corbusier-Kenner, die die Ausstellung gemeinsam mit Mateo Kries vom Vitra Design Museum konzipiert haben. So entsteht im Zusammenspiel mit zahlreichen, zum großen Teil aus der Fondation Le Corbusier in Paris entliehenen, beeindruckenden Exponaten eine kompakte, vielschichtige Präsentation. Originalmodelle aus Holz, Zeichnungen, Pläne, Möbel aber auch Filme, Skulpturen und Gemälde, darunter einige, die erst während der Ausstellungsvorbereitungen eher zufällig im Keller der Fondation entdeckt wurden, zeichnen ein nahezu lückenloses Bild des Architekten, Städteplaners, Möbeldesigners, Schriftstellers, Malers und Bildhauers. Dem Ausstellungslayout von Dieter Thiel gelingt es dabei, in diese fast chaotische Materialfülle Ordnung zu bringen. So entsteht vor allem in den ersten Räumen ein spannender Dialog zwischen der Museumsarchitektur Frank O. Gehrys und den präsentierten Architekturmodellen. ~uk
Bis 10. Februar. Vitra Design Museum*, Charles-Eames-Str. 1, Mo–So 10–18, Mi 10–20 Uhr. Der Katalog kostet 79 Euro. www.design-museum.de