Konstruktion und Katastrophen (Berlin)

~Bernd Hettlage

Sie posieren wie Helden der Arbeit – die Bauarbeiter, die beim Bau eines Tunnels der Bebra-Göttinger Eisenbahn eine Pause einlegen, irgendwann im Jahr 1875. Mit der Spitzhacke dringen sie in den Berg vor. Ein mühsames Geschäft. Ganz im Gegensatz dazu die Aufnahme der menschenleeren Empfangshalle des Anhalter Bahnhofs in Berlin, fünf Jahre später, die mit ihren Licht- und Schattenspielen und den weichgezeichneten Rändern wie eine Kathedrale der Technik wirkt. Vom Schweiß der Handarbeit ist hier keine Spur.
Beide Fotografien gehören zu einer Ausstellung im Architekturmuseum der TU Berlin, die sich der staatlichen Architekturfotografie in Preußen von 1860–1918 widmet. Nach einem Erlass des Preußischen Handelsministers aus dem Jahr 1868 waren namhafte Fotografen wie Hermann Rückwardt oder Theodor Creifelds angehalten, »die hervorragenden Bauwerke des preußischen Staates in den verschiedenen Stadien ihrer Ausführung sowie in Vollendung im Lichtbild festzuhalten«. Es ging um Dokumentation, nicht um Kunst. Die Absicht dahinter war durchaus auch eine pädagogische: Man wollte für die untergeordneten Behörden Vorbilder in punkto Architektur, Technik und Bauausführung bereithalten. Da Preußen sich damals von Königsberg bis an die holländische Grenze erstreckte, sind Bilder vom Ruhrgebiet, über die Ostsee bis nach Schlesien vertreten.
Aus einem Bestand von 1300 erhaltenen Fotografien, die sich heute im Besitz des Architekturmuseums befinden, hat Kurator Benedikt Goebel rund fünfzig ausgewählt. Kriterium war für den Historiker dabei die gestalterische Qualität der einzelnen Aufnahmen. Preußische Beamtenbauten, die den Schwerpunkt der Sammlung ausmachen, sind deshalb in der Ausstellung überhaupt nicht zu sehen. Stattdessen Bilder von Berliner Bahnhöfen, von Eisenbahnviadukten und Brücken, aber auch vom Bau der Technischen Universität selbst im Jahr 1880. Wie ein Kontrapunkt zu diesen – für die damalige Zeit – technischen und architektonischen Meisterleistungen stehen die Fotografien vom Bau der Haftanstalt Plötzensee in Berlin, von Hochwasserkatastrophen an Oder und Ostsee oder vom Brand der Tegeler Borsigmühle. Goebel gab der Ausstellung deshalb den Titel »Konstruktion und Katastrophen – Staatliche Architekturphotographie in Preußen 1860–1918«, denn die Modernisierung der Verkehrswege zu Wasser und zu Land hatte auch ihre Schattenseiten: Die Naturzerstörung und die Anfälligkeit der technischen Bauwerke für (Natur-)Katastrophen wuchs mit.
Erfreulich ist das große Format der Fotografien, deren kleinstes schon 30 mal 40 Zentimeter umfasst. Als Vorlage dienten Glasplatten, die teils so groß wie die Abzüge selbst sind. Ärgerlich dagegen die Informationsschilder im Miniaturformat: Sie hängen so tief, dass man sich bücken muss, um sie zu lesen. Überdies ist die Schrift mikroskopisch klein und im allzu gedämpften Licht der Ausstellung im Keller des Architekturgebäudes der Technischen Universität nur schwer zu entziffern. Von einem Besuch sollte dieses Manko dennoch nicht abhalten, denn die Ausstellung zeigt ein Stück Architektur- und Technikgeschichte aus dem 19. Jahrhundert, das so noch nicht zu sehen war.
Bis 5. Februar. Architekturmuseum der TU Berlin, Straße des 17. Juni 150, Mo–Do 12–16 Uhr und nach Vereinbarung, Eintritt frei, Katalog 24,90 Euro. www.architekturmuseum.ub.tu-berlin.de