Joseph Maria Olbrich (Darmstadt)

~Franziska Puhan-Schulz

Die große Olbrich-Retrospektive »Joseph Maria Olbrich 1867 – 1908 Architekt und Gestalter der frühen Moderne« auf der Mathildenhöhe, die in Zusammenarbeit mit dem Wiener Leopold Museum entstanden ist, präsentiert den großen Erneuerer der Architektur und Lebensgestaltung um 1900 erstmals seit 27 Jahren. Die von Regina Stephan (FH Mainz) gestaltete Schau umfasst 400 Objekte – von Entwürfen für Bauten über florale bzw. ornamentale Eisengitter und Gartengestaltungen bis hin zum detailverliebten Nachbau des Spielhauses für die Prinzessin Elisabeth im Park Wolfsgarten. Nur zwei von vielen architektonischen Höhepunkten Olbrichs sind zweifelsohne das Ausstellungsgebäude für die Wiener Secession, das die damals vorherrschenden Formvorstellungen negiert, sowie der protoexpressionistische Hochzeitsturm (s. Abb.) auf der Mathildenhöhe. Die Bauten werden über Ent- würfe, Studien, Skizzen, Werkrisse und kolorierte Präsentationsblätter sowie sehr schöne Modelle präsentiert.
Die einzelnen Ausstellungsbereiche, die die Schaffensphasen Olbrichs abbilden, sind unterschiedlich farbig gestaltet. So ist der erste Raum z. B. in dunklem Pink gehalten. Dort führt die historische Filmaufnahme einer Straßenbahnfahrt den Betrachter atmosphärisch ins Wien des 19. Jahrhunderts. Olbrichs Zeit in Darmstadt, seine Reisen und seine internationalen Ausstellungen, werden wiederum farblich davon abgesetzt. Durch die vielen Designobjekte, die oftmals nicht hinter Glas stehen, ist die Ausstellung auch haptisch erfahrbar. Exemplarisch für die Vielfalt der Formgebung seien hier nur wenige Objekte genannt, die bis heute nichts von ihrer Originalität eingebüßt haben: Der Briefkasten mit froschähnlichem Gesicht für das Haus Bahr um 1900 aus Ahorn mit Kupferbeschlägen und weißen Glassteinen sowie drei Tischuhren von 1902 – mal Unikat mit geschwungenen Blüten, die sich einander zuneigen, mal klare Linienführung und Funktion, was auch eine Produktion in Serie möglich machte.
Ohne den Förderer Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein, der ihn als führenden Architekten der Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe berief und ihm dort weitgehend gestalterische Freiheit ließ, wäre das Werk Olbrichs – insbesondere im Bereich kunstgewerblicher Objekte – sicher weit weniger reichhaltig ausgefallen.
Sein Wiener Mentor Otto Wagner charakterisierte Olbrichs Talente nach dessen frühem Tod 1908 (an Leukämie): »Seine rege Phantasie, eine starke poetische Ader, ein außergewöhnlicher Geschmack (…) und eine seltene zeichnerische Handfertigkeit«. Er war mit 40 Jahren so berühmt, dass man sogar Postkarten von seinem Begräbnis kaufen konnte.
Bis 24. Mai. Ausstellungsgebäude Mathildenhöhe Darmstadt, Olbrichweg 13, Di -So 10 -18, Do 10-21 Uhr, Katalog 38, Hörbuch 16,80 Euro. www.mathildenhoehe.eu