Iwan Baan (Herford)

~Paul Andreas

»Architekturfotografie bereitet den Betrachter nur auf die bestmöglichen Bedingungen vor: auf das neugeborene, unberührte gleichermaßen wie das sauber von seiner Umgebung isolierte Gebäude – jener immer sonnenbadende Bau, der in seinen wärmsten Farben in die Kamera lächelt.« So beschrieb die heute am kanadischen Banff-Center tätige Design- und Architekturhistorikerin Janet Abrams einmal das problematische Verhältnis von Architektur und der vorherrschenden Praxis ihrer fotografischen Reproduktion.
Der 39-jährige, niederländische Architekturfotograf Iwan Baan – vor einigen Jahren noch unbekannt in der Szene – schlug seinen ganz eigenen Weg ein, und wurde durch seine Fotografien des Pekinger Olympiastadions (Herzog de Meuron, Ai Weiwei) über Nacht bekannt. Seine noch während der Bauarbeiten entstandenen Fotos faszinierten nicht nur die Schweizer Architekten: Sie zeigen Arbeiter, die inmitten der verwobenen Rohbaustruktur des Nationalstadions kameradschaftlich um ein Lagerfeuer sitzen – lange bevor die internationalen Sportfunktionäre und Chinas Politikerkaste offiziell das olympische Feuer im »Vogelnest« entzündeten.
Auch für viele andere prominente Architekten (Rem Koolhaas, Zaha Hadid, SANAA usw.), für die Baan mittlerweile fotografiert, sind Menschen mehr als Staffage und keineswegs Tabu. Dies zeigt auch die Ausstellung »52 Wochen – 52 Städte«, die der Fotograf für das Herforder MARTa in der Form eines Reisetagebuchs zusammengestellt hat. Die eigenwillige, durch schroffe Raum- und Zeitsprünge gekennzeichnete Abfolge fotografischer Architektur- und Stadtansichten präsentiert zeitgenössische »High-End-Architektur«, belebt von ihren alltäglichen Nutzern und damit aus den selbstbespiegelnden Fängen der Planer befreit. Aus der Zusammenstellung dieser Motive mit dokumentarisch anmutenden Bildern latenter und improvisierter Architektur zieht die Ausstellung ihren Reiz: Viele der etwa 60, auf Dibond-Platten gedruckten Motive führen in die urbanen Schattengesellschaften rund um den Globus – in die jahrtausendealten Erd- und Hofhäuser im chinesischen Hinterland, die dörflichen Hochhausstrukturen der Müllsammler Kairos oder in die informelle Floßsiedlung Makoto, die sich in atemberaubendem Tempo auf der Lagune der Megacity Lagos ausbreitet.
Mit reduzierter Ausrüstung – drei 35-mm-Kameras ohne Stativ – nähert sich Baan dabei einfühlsam seinen Motiven, spürbar auf der Suche nach dem Moment, den Henri Cartier-Bresson »den entscheidenden« nannte. Der Einsatz von Weitwinkel-Objektiv und Hubschrauber lässt in vielen Motiven die Landschaft, die die Bauten umgibt – sei sie auch noch so fragmentiert und unwirtlich – so wichtig wie das abgelichtete Gebäude selbst werden. Tatsächlich dokumentiert Baan mit seiner Bildgestaltung den Paradigmenwechsel, der auch in der zeitgenössischen Architekturproduktion bereits eingesetzt hat: Es geht immer weniger um eine isolierte, sich selbst genügende Haltung, sondern vielmehr um die Wechselwirkungen mit der Umgebung – im Bild wie im Bau.
Bis 30. März. 52 Wochen – 52 Städte. Fotografien von Iwan Baan. MARTa, Goebenstraße 2-10, 32052 Herford, Di-So 11-18 Uhr, Katalog, 39,90 Euro, Kehrer Verlag Heidelberg 2014, http://marta-herford.de