Interieur / Exterieur (Wolfsburg)

~Annemarie Lange

Am Anfang der Ausstellung »Interieur/Exterieur. Wohnen in der Kunst« im Kunstmuseum Wolfsburg hängt unerwarteterweise ein Landschaftsgemälde von Caspar David Friedrich (1808). Es steht sinnbildlich für die Sehnsucht des Menschen, zu Beginn der Industrialisierung in der Weite des Kosmos heimisch zu werden. Am Ende des Ausstellungsrundgangs, wenn der Besucher auf die Wohnkapsel »R129« von Werner Sobek trifft, schließt sich der Kreis: Die gläserne »Seifenblase«, die per Knopfdruck durch elektronische Folien »geschlossen« werden kann, lässt ihre Besucher entweder eins werden mit der Umgebung oder schottet sie von dieser komplett ab. Zwischen Anfang und Ende liegen zwölf Kapitel, die einem »die Geschichte der Annäherung von Kunst und Design und ihre wechselseitigen Durchdringungen« erzählen sollen. Interieurmalerei und Interieurgestaltung – der Bogen wird von den visionären Bildern der Romantik über die Entwürfe des Bauhauses bis zum Wohndesign der Zukunft gespannt. Gezeigt werden Werke der Interieurmalerei um 1900 (zum Beispiel von Edvard Munch), die den zerrütteten Seelenzustand ihrer Bewohner spiegeln; gerahmt werden sie von Wohnensembles des Jugendstils und der Wiener Moderne. Und befand man sich eben noch in der Rekonstruktion von Piet Mondrians Pariser Atelier, steht man kurz darauf in einem Grundriss der Bauhauszeit, in dem Klassiker des Möbeldesigns mit Gemälden Oskar Schlemmers kombiniert werden. – Schade nur, dass es sich bei vielen der Möbel nicht um Originale, sondern um aktuelle Produktionen handelt. Ein Höhepunkt der Ausstellung ist sicher der begehbare Nachbau von Verner Pantons Phantasy Landscape (1970); eine Art farbige Wohngrotte, bei der Boden, Wände und Decke miteinander verschmelzen. Auch die Umwandlung stillgelegter Industriehallen zu Wohn-Lofts, beginnend in den siebziger Jahren, hatte Einfluss auf die Wohnkultur. Denn von nun an wurde das einzelne Möbelstück nicht mehr als reiner Gebrauchsgegenstand betrachtet, sondern als Kunstobjekt inszeniert. Inzwischen operieren viele Gestalter an der Schnittstelle zwischen Kunst und Design. Bei »Interieur/Exterieur« zeugen unter anderem die an Computerstrukturen erinnernden Entwürfe der Bouroullec Brüder von dieser Entwicklung.
Ohne Frage kommt es bei der Wolfsburger Ausstellung zu überraschenden und auch sinnfälligen Gegenüberstellungen und das Schlendern durch die riesige Ausstellungs- halle ist wie eine Entdeckungsreise durch verschiedene Epochen und Genres: Der Ausstellungsarchitekt Dieter Thiel hat das Museum in ein begehbares Puppenhaus, in dem der Besucher immer wieder aus kleinen Kabinetten in offene, großzügige Räume hinaustritt, verwandelt. Doch besinnen wir uns auf das formulierte Ziel der Ausstellung, muss man sich fragen, ob dies bereits durch ein Nebeneinander von Gemälden, Installationen, Interieurs, Fotos und Möbeln eingelöst werden kann? Ein wenig fühlt man sich an die ebenfalls von Marcus Brüderlin, damals für die Fondation Beyerler kuratierte Ausstellung Archiskulptur (2004) erinnert. Es sollte das Wechselspiel zwischen Architektur und Skulptur dargestellt werden. Auch hier kam es zu interessanten Gegenüberstellungen, der Erkenntnisgewinn war aber auch damals relativ gering.
Bis 13. April. Kunstmuseum Wolfsburg, Hollerplatz 1, Mi–So 11–18, Di bis 20 Uhr. Katalog mit gleichnamigem Titel, Hatje Catz, 39 Euro. www.kunstmuseum-wolfsburg.de