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»Home Stories. 100 Jahre, 20 visionäre Interieurs« © Vitra Design Museum, Foto: Ludger Paffrath

Home Stories. 100 Jahre, 20 visionäre Interieurs, bis 23. August 2020

~Alfred Hottmann

Es gibt wohl niemanden, der keine Vorstellung davon hätte, wie er oder sie wohnen möchte. Das eigene Zuhause stellt nicht nur einen Ort des Rückzugs und des Schutzes dar, sondern wird auch als Statussymbol verstanden und häufig zur Selbstinszenierung genutzt. Gerade in den letzten 100 Jahren haben gesellschaftliche und technische Entwicklungen unseren Lebensstil maßgeblich geprägt und somit auch das Zuhause und die Art, wie wir es einrichten. Die Ausstellung »Home Stories« im Vitra Design Museum lädt dazu ein, einen etwas genaueren Blick auf die wichtigsten Strömungen der Gestaltung von Wohnräumen im vergangenen Jahrhundert zu werfen.

Die Ausstellung ist in umgekehrter chronologischer Reihenfolge organisiert und beginnt im ersten Raum mit dem Zeitabschnitt zwischen dem Jahr 2000 und heute. Hier wird u. a. beleuchtet, wie groß der Einfluss des Einrichtungshauses IKEA auf den westlichen Wohnstil durch sein relativ günstiges Angebot ist. Private Haushalte ohne mindestens ein »Billy«-Regal sind zur Seltenheit geworden.
Ein Gegenmodell dazu stellt das Projekt »Granby Four Streets« des Londoner Architekturbüros Assemble dar: Bei der eindrucksvollen Sanierung von gleich vier Straßenzügen mit viktorianischen Reihenhäusern setzen die Architekten u. a. auf die Wiederverwertung von Abbruchmaterialien in individueller Aufbereitung zu Badfliesen, Kachelofenbekleidungen oder Türklinken.

Im zweiten Ausstellungsraum wird die Entwicklung des Wohnens von den 60er bis zu den 80er Jahren betrachtet. Diese Zeit ist v. a. durch die Ästhetik der Postmoderne geprägt, was sich besonders in den schrillen Möbelstücken des Künstlerkollektivs »Memphis« widerspiegelt. Der Nagakin Capsule Tower in Tokio von Kisho Kurokawa wiederum, mit Wohnungen nicht größer als 8 m², nahm bereits 1972 heutige Phänomene wie »Mini-Apartments« oder »Stadtnomadentum« vorweg und war damit seiner Zeit weit voraus.

Eine Epoche für vielfältige Wohnexperimente stellte auch die Nachkriegszeit dar, der ein eigener Raum in der Ausstellung gewidmet ist: Manche, wie »House of the Future« von Alison und Peter Smithson, schrecken auch vor Räumen ohne Fenster nicht zurück und sind von einer Technikgläubigkeit geprägt, die aus heutiger Sicht recht befremdlich wirkt. Ganz anders zeigt sich die Gestaltung des »Nivola Wohngartens«, bei der Architekt Bernard Rudofsky durch freistehende Wandscheiben eine Synthese zwischen Innen- und Außenräumen anstrebte.

Im OG des Museums schließlich wird die Zeit der Klassischen Moderne betrachtet. Diese ist v. a. von bis dahin unüblichen, offenen Grundrissen wie z. B. in der Villa Tugendhat von Mies van der Rohe geprägt. Gleichzeitig übernimmt aber auch die Optimierung sehr funktionaler Aspekte eine wichtige Rolle, was die ebenfalls präsentierte Frankfurter Küche aufs Beste veranschaulicht.

Erfreulich an der Ausstellung ist die große Varianz der Exponate. Möbel, Modelle, Fotos, Audio- und Videosequenzen vermitteln den Charakter der einzelnen Einrichtungsstile auf individuelle und sehr anschauliche Weise. Das eigens für die Ausstellung entworfene, mit Korkplatten und spiegelnden Oberflächen bekleidete Mobiliar verbindet die sehr unterschiedlichen Ausstellungsexponate gekonnt mit seiner wiederum individuellen Gestaltungssprache. Im Treppenaufgang bieten zahlreiche Zitate von Gestaltern kurzweilige Lektüre zum Thema Wohnen. Die Rolle des Zuhauses bei der Selbstinszenierung beispielsweise bringen die Architekten des spanischen Büros Elii ganz knapp auf den Punkt: »Das Haus ist ein Theater.«

Bis 23. August. Home Stories. 100 Jahre,
20 visionäre Interieurs. Vitra Design Museum, Charles-Eames-Straße 2, 79576 Weil am Rhein, Mo-So 10-18 Uhr, Publikation: Mateo Kreis, Jochen Eisenbrand (Hrsg.), Deutsch/Englisch, 59,90 Euro, www.design-museum.de