Häuser für alle (Stuttgart)

~Alfred Hottmann

Die Debatte um angemessenes und qualitätvolles Wohnen läuft sowohl hierzulande wie auch im internationalen Kontext auf Hochtouren. Ressourcen sind begrenzt und verteuern sich zunehmend, zugleich wächst die Weltbevölkerung unaufhaltsam. Diese Entwicklung stellt nicht zuletzt Architekten vor große Herausforderungen. Wie mit diesem globalen Phänomen architektonisch umgegangen werden kann, zeigt die Ausstellung im Institut für Auslandsbeziehungen in Stuttgart anhand einiger Projekte in Mexiko exemplarisch auf.

Auf Plakaten, die von der Decke so abgehängt sind, ohne dem Besucher einen bestimmten Weg durch die Ausstellung vorzugeben, werden verschiedene Wohnbauten präsentiert. Die wichtigsten Eckdaten und Informationen zum jeweiligen Projekt wie z. B. städtischer Kontext, Gebäudetyp, Nutzfläche und Projektbeteiligte lassen sich auf den ersten Blick ablesen. Auch einige Modelle und kurze Videosequenzen werden gezeigt. Ein besonders schönes Projektbeispiel, das auf Anhieb ins Auge fällt, ist »Brasil 44« von »JSa Arquitectura« in Mexiko-Stadt. Der Umbau eines denkmalgeschützten Altbaus schafft mit verhältnismäßig überschaubaren Eingriffen wie z. B. dem Einschneiden eines Innenhofs und dem Einbau von Zwischenebenen in den hohen Räumen Wohnungen für insgesamt fünf Parteien.

Andere Projekte zeigen wie mithilfe von Selbstbau und Eigenleistung potenzielle Nutzer in den Bauprozess miteinbezogen werden können, um zum einen Wissen weiterzugeben und zum anderen Baukosten zu sparen. So auch das »Casa Rural« (Abb. unten) Casa Caja von S-AR) im Norden von Mexiko, das das Architekturbüro Comunal: Taller de Arquitectura zusammen mit der Bevölkerung verwirklichte. Dabei wurden besondere regionale klimatische und kulturelle Aspekte berücksichtigt sowie ein in der Region wachsender Bambus als Baumaterial verwendet.

In der Ausstellung werden leider fast nur Einfamilienhäuser (Abb. oben: Casa Caja von S-AR) gezeigt, was jedoch der vorherrschenden Wohnungsform in Mexiko entspricht. Ob dieser Haustyp überhaupt eine Lösung für das Problem der Wohnungsnot darstellen kann, sei dahingestellt. Bauten, wie »Las Anacuas« des Pritzker-Preisträgers Alejandro Aravena von »Elemental«, zeigen, dass auch in Mexiko mit etwas höherer Dichte gebaut werden kann. Vielleicht sind aber unsere europäischen Maßstäbe in dieser Hinsicht fehl am Platz. Bauträger in Mexiko setzen zumeist auf das eigene Haus. Und so führt ein kurzer Exkurs der Ausstellung in die Welt der mexikanischen »Copy-and-Paste-Einfamilienhäuser«, der dem Wunsch des Bauherrn nach Individualität vermeintlich gerecht wird: Der Grundriss eines solchen Negativbeispiels zeichnet sich auf dem Boden des Ausstellungsraums ab und lässt sich auch begehen.

Die Ausstellung führt sehr anschaulich vor, welche Möglichkeiten sich eröffnen, wenn aktive Partizipation als integraler Bestandteil eines Entwurfs begriffen wird und zusammen mit regionalen Baustoffen eine besondere Verankerung der Architektur am Ort entsteht. Gezeigt wird hier kein international gültiges Modell zur Realisierung kostengünstigen Wohnraums, sondern eine spannende Momentaufnahme dessen, wie in Mexiko Architekten und Bauherren dem Bedürfnis nach Wohnraum auf kreative Weise und mit viel Einsatz entgegenkommen. Das Motto dafür könnte heißen: »Weniger ist genug«.

Bis 23. Juni, Häuser für alle. Wohnungsbau in Mexiko. ifa-Galerie Stuttgart, Charlottenplatz 17, 70173 Stuttgart, Di-So 12-18 Uhr, www.ifa.de