Gion A. Caminada (Augsburg)

~Roland Pawlitschko

Lediglich von einer Bergkette getrennt, jeweils direkt am Talschluss, liegen die beiden Graubündner Dörfer Vrin und Vals. Während Vals augenscheinlich von einer Welle des touristischen Aufschwungs getragen wird, ist für den bis heute von einfachem Bergbauerntum geprägten Nachbarort mit nur 250 Einwohnern die Zukunft etwas ungewisser. Dass das Fortbestehen Vrins trotz massiver Einwohnerabwanderungen heute als gesichert gelten darf, lässt sich im Wesentlichen auf die geglückte Neuordnung der dörflichen Infrastruktur und die Rationalisierung landwirtschaftlicher Methoden zurückführen. Maßgeblich am Erfolg beteiligt ist auch der Architekt und gelernte Bauschreiner Gion Antoni Caminada, der sich in seinem Geburtsort seit fast zwanzig Jahren unermüdlich für nachhaltige Architektur- und Dorfplanung engagiert und dort zahlreiche ortsbildprägende Wohn-, Wirtschafts- und Stallgebäude realisiert hat.
Caminadas Entwürfe basieren vor allem auf dem festen Glauben an die »Kraft des Lokalen«. Genau darauf bezieht sich der räteromanische Titel der von Bettina Schlorhaufer kuratierten und 2005 erstmals bei »kunst Meran« gezeigten Wanderausstellung, die nun im Architekturmuseum Schwaben zu sehen ist. Frei übersetzt steht »Cul zuffel e l’aura dado« für »Architektur mit den Winden« – jenen Winden, die seit jeher das raue Bergklima der Val Lumnezia bestimmen. Bildhaft thematisiert dieser Sinnspruch auch Caminadas Verständnis von Tradition als Synonym für Kontinuität. Kontinuität nicht zuletzt im Sinne der Weiterentwicklung alter Vriner Holzbautechniken und -typologien wie etwa der Strickbauweise. Wecken die aufeinandergestapelten und über Eck verstrickten Holzbalken zunächst Erinnerungen an einfache Blockhäuser, so entstehen daraus in Kombination mit großen Fenstern, freistehenden Strick-Stützen und in den Raum greifenden Strick-Wänden unverkennbar zeitgenössische und überaus feinsinnige Bauwerke. Zwar werden einige typische Strick-Verbindungen in der Ausstellung exemplarisch als Holzmuster in Originalgröße präsentiert, wirklich greifbar wird diese Konstruktionsmethode allerdings erst durch die zahlreichen, wunderbar einfühlsamen Innen- und Außenaufnahmen von Lucia Degonda, die neben den Holzbauten in Vrin auch das Mädcheninternat in Disentis und einen Hotelumbau in Vals zeigen.
Aufgrund der begrenzten Raumsituation können im Architekturmuseum Schwaben leider längst nicht alle Exponate der Wanderausstellung präsentiert werden. Dafür gibt es einen ausgezeichneten Katalog, der über die Arbeiten des seit 1998 an der ETH Zürich lehrenden Architekten ebenso detailliert Auskunft gibt wie über »neun Thesen für die Stärkung der Peripherie« oder ganz persönliche Sichtweisen zu globalen Architekturtendenzen: »Kürzlich hat eine Gemeinde bei mir angefragt, ob ich eine öffentliche Toilette planen möchte. Das ist doch eine faszinierende Aufgabe, genauso wie der Bau eines Stadions in China.«
Bis 24. August. Architekturmuseum Schwaben, Buchegger-Haus, Thelottstraße 11, Di–So 14–18 Uhr, Mo geschlossen. www.architekturmuseum.de/augsburg/