Frankfurt, 17.01.2007, Altes Polizeigewahrsam, Klapperfeldstrasse 5, Architekt: Behnke, Fertigstellung: 1886, Großformat, Digitalfoto,
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Gewahrsam (Frankfurt/Main)

~Dagmar Ruhnau

Dunkel und kalt. Das sensorische Klischee eines Kerkers umfängt den Besucher schon nach wenigen Schritten. Außerdem hat Wasser aus undichten Leitungen hier und da Pfützen auf dem Boden der Ausstellungsräume, ehemalige Zellen in einem ausgedienten Gefängnis, gebildet. Der Frankfurter Gewahrsam, 1886 nach preußischen Standards gebaut, diente nacheinander der vorübergehenen Festsetzung von Delinquenten, der Gestapo, der Verbringung von Schwarzmarkthändlern, von APO-Demonstranten und zuletzt, bis 2001, von Abschiebehäftlingen. Die Inschriften in lateinischer, kyrillischer und arabischer Schrift auf Wänden, Decken, Bänken und Türen der 1,50 m schmalen und 3,50 m kurzen Zellen zeugen von zum Teil wochenlangen Aufenthalten und stammen teilweise noch aus dem Jahr 2000. Plötzlich steht die Lebenswirklichkeit in den finsteren Löchern sehr plastisch vor dem inneren Auge.
Dieser eindrucksvolle räumliche Auftakt bildet zugleich den zeitlichen Abschluss für die chronologisch aufbreitete Ausstellung. Beginnend mit Piranesis Carceri werden auf zwei Stockwerken immer wieder neue Varianten von Gefängnisstrukturen gezeigt, die sich in erster Linie mit effektiver, ökonomischer Überwachung beschäftigen. Entsprechende architektonische Formen entstanden. Von den übereinander gestapelten Aufbewahrungssälen für zwanzig Personen im England des 17. Jahrhunderts über die differenzierte Unterbringung nach sozialer Herkunft und Schwere des Delikts bis zur Isolationshaft in Stammheim reichen die Konzepte, vom Wegsperrbau zur Stadt hinter Gittern mit ihren Möglichkeiten zur Beschäftigung und Weiterbildung. Interessanterweise ändert sich die Wirkung der Haft auf Gefangene nicht: Schon von dem berüchtigten Gefängnis Newgate, gebaut 1770 in London, gibt es ein Bild, das Häftlinge beim Würfeln, bei Prügeleien und hemmungslosem »Frohsinn« zeigt.
Die äußere Erscheinung diente durch geschlossene Außenmauern und die Platzierung mitten im Stadtbild der Abschreckung, mit wachsendem Platzbedarf wurden die Gefängnisse ausgelagert. Beispiele neuester Anlagen zeigen, dass sich aufgrund ähnlicher Strukturen hinsichtlich effizienter Erschließung und Versorgung mit Nahrung, Wasser und Strom sowie Tageslicht Gefängnisse äußerlich gar nicht mehr groß von Verwaltungs- oder Krankenhausbauten unterscheiden müssen. Möglich macht solche Strukturen auch die elektronische Überwachung, die ein Prinzip des besonders erschreckend wirkenden, aber sehr effektiven so genannten Panopticons aufnimmt: Die Zellen waren im Kreis oder Halbkreis um einen zentralen, nicht einsehbaren Wachtturm gruppiert, zur Mitte hin nur mit Gittern verschlossen und durch ein außen liegendes Fenster komplett durchleuchtet, so dass die ständige Überwachung oder auch schon allein die Möglichkeit, jederzeit beobachtet zu werden, disziplinierend wirkte. Dieses Prinzip erinnert wiederum an die wachsende Zahl von Überwachungskameras, die unsere öffentlichen Bereiche mehr und mehr in riesige Freiluftgefängnisse zu verwandeln drohen. Drei Aufsätze zu diesem Themenkomplex finden sich im Katalog und ergänzen die umfassende Wiedergabe der Ausstellung.
Bis 1. Juli. Polizeigewahrsam Klapperfeld, Klapperfeldstraße 5, Di-So 12–18, Mi 12–20 Uhr. Katalog: Arne Winkelmann und Yorck Förster (Hrsg.), Gewahrsam. Räume der Überwachung, Heidelberg und Frankfurt 2007, 17 Euro. www.dam-online.de