Modelle zum Thema "Stadtsymbol. Links Frauenkirche Dresden, Mitte: Knochenhaueramtshaus Hildesheim, rechts chin. Turm im Englischen Garten, MŸnchen

Geschichte der Rekonstruktion – Konstruktion der Geschichte (München)

~Klaus F. Linscheid

Ein Thema, über das sich heute trefflich streiten lässt: Rekonstruktion, Abriss oder Neubau von Gebäuden. Das war nicht immer so. Von der Antike bis ins 18. Jahrhundert war eine rekonstruierende Wiederherstellung von Bauwerken Usus – wenn auch aus sehr unterschiedlichen Beweggründen. Angefangen bei der Rekonstruktion des »authentischen Geistes«, welche die eigentliche Bausubstanz in den Hintergrund stellt über die Rekonstruktion städtischer Symbole und Identifikationszeichen bis hin zur Rekonstruktion für »Freiheit und Konsum« reicht der Bogen. In einer umfangreichen Ausstellung analysiert das Architekturmuseum der TU München die Hintergründe für Rekonstruktionen in der Architektur.
»Eine Kopie ist kein Betrug, ein Faksimile keine Fälschung, ein Abguss kein Verbrechen und eine Rekonstruktion keine Lüge« schreibt Winfried Nerdinger, Direktor des Architekturmuseums zur Einführung im begleitenden Katalog. Es komme darauf an, aus welchen Gründen ein verloren gegangenes Kulturgut wieder hergestellt werde. Zehn Motive, unter denen Geschichte rekonstruiert werden kann, haben die Ausstellungsmacher herausgearbeitet und dies als Leitfaden für die Strukturierung der Ausstellung verwendet. Insgesamt sind es 85 repräsentative Objekte (und weitere 200 Foto-Beispiele), anhand derer die jeweilige Rekonstruktion aufgezeigt wird – fast zu viele, als dass man sie alle mit der gebührenden Aufmerksamkeit betrachten könnte. Durch die Kategorisierung in die genannten zehn Gruppen kann der Besucher jedoch individuelle Schwerpunkte setzen. Optischer Anziehungspunkt sind immer wieder große Modelle, die Zeichnungen und Fotos ergänzen. Das Modell der Dresdner Frauenkirche zeigt beispielsweise anschaulich, mit welcher Akribie historische Steine in die Rekonstruktion der Kirche integriert wurden.
Das Beispiel Hildesheim belegt, wie abhängig die Einstellung zur Rekonstruktion vom jeweiligen Zeitgeist ist. Ein großmaßstäbliches Konstruktionsmodell des Knochenhaueramtshauses und ein städtebauliches Modell des Marktplatzes veranschaulichen das Prozedere um den Wiederaufbau jenes Fachwerkhauses. Die im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstörte Innenstadt von Hildesheim bestand aus ehemals 1500 historischen Gebäuden, meist Fachwerkbauten. Darunter auch jenes Knochenhaueramtshaus, ein Gildehaus von 1529, das schon im späten 19. Jahrhundert als das »monumentalste unter allen Holzhäusern Deutschlands« (Dehio) bezeichnet wurde. Trotzdem entschied sich der Stadtrat Anfang der 50er Jahre gegen eine Rekonstruktion und für einen Neubau in Form eines sechs geschossigen Hochhauses. In den 1980er Jahren wurde diese Entscheidung revidiert, die Nachkriegsbauten abgerissen und das historische Stadtbild größtenteils als »Kulisse« wiederhergestellt, denn die historisierenden Nachbildungen verhüllen gänzlich neue Bauvolumina. Ähnliches passierte etwa zeitgleich am Frankfurter Römerberg. Beide Objekte stehen für die Rekonstruktion von Stadtsymbolen, motiviert durch die Erhaltung des »kulturellen Gedächtnisses« einer Stadt.
Völlig anders ging man beim Pfahlbaumuseum in Unteruhldingen am Bodensee vor. Die Teilrekonstruktion von spätbronzezeitlichen Pfahlbauten erfolgte mit Methoden der »experimentellen Archäologie« und unter Nutzung entsprechender Werkzeuge und Handwerkstechniken, mit denen die Bauten wahrscheinlich ursprünglich auch errichtet wurden. Ein Modell der Häuser ist in der Ausstellung zu sehen, stellvertretend für den Bereich »Archäologische Rekonstruktion«.
Zu der von Markus Eisen und Hilde Strobl sorgfältig kuratierten Ausstellung ist ein aufwendig gestalteter 500-seitiger Katalog erschienen, in dem nicht nur alle Objekte beschrieben sind, sondern das Thema zusätzlich in weiteren Fachaufsätzen diskutiert wird. Die Museumsausgabe kostet 45 Euro, die Buchhandelsausgabe 69 Euro.
Bis 31. Oktober. Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40. 80333 München www.pinakothek.de