Fritz Leonhardt 1909 bis 1999 (Stuttgart)

~Christian Schönwetter

In diesem Jahr wäre Fritz Leonhardt 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass widmet ihm das Südwestdeutsche Archiv für Architektur und Ingenieurbau eine große Retrospektive.
Ohne ihn wäre die Welt um über dreißig Neuerungen im Brückenbau ärmer: So setzte er mit seinen Mitarbeitern etwa die Spannbetonbauweise und das Taktschiebeverfahren durch und trieb die Entwicklung von Schrägkabelbrücken entscheidend voran.
Obwohl er sich selbst als Brückenbauer verstand – »Brückenbauen kann eine große Leidenschaft und Liebe werden, die ein Leben lang jung bleibt und begeistert« – hat er seine Berühmtheit doch vor allem der Neuerfindung des Sendeturms zu verdanken. Mitte der fünfziger Jahre löste er mit dem Stuttgarter Fernsehturm erstmals die üblichen Stahl- gittermasten durch eine Betonröhre ab und brachte unter der Spitze eine Aussichts- plattform und ein Restaurant unter. Weltweit fand dieser Ansatz, der aus einer technischen Anlage ein öffentlich zugängliches Gebäude macht, zahlreiche Nachfolger. Die Ausstellung zeigt nicht nur Leonhardts umfangreiches Werk, sondern spürt auch seinem persönlichen Werdegang nach. Seine Mitarbeit an Prestigeprojekten des NS-Regimes verschwieg er nicht. So hatte er unter anderem damit zu kämpfen, dass er eine seiner Brücken unnötig wuchtig gestalten und mit Stein verkleiden musste, weil Hitler persönlich darauf bestand. Wie der junge Ingenieur – erfolglos – für seine eigenen Vorstellungen kämpfte, dokumentieren Briefe und Zeichnungen.
Beeindruckend ist die Vielfalt an Exponaten mit denen Leonhardts Wirken präsentiert wird. Neben originalen Plänen und Fotografien machen anschauliche Computeranimationen, historische Filmsequenzen, zwanzig eigens für die Ausstellung gefertigte Architektur- modelle und nicht zuletzt originale Bauteile wie ein Brüstungsstück aus der Aussichtsplattform des Stuttgarter Fernsehturms oder ein Stück des Münchener Olympiadaches, an dem er ebenfalls mitwirkte, die Ingenieurskunst auch an kleinen Baudetails greifbar. Beachtlich ist auch das »Drumherum«, das die Retrospektive begleitet: Der Katalog erhebt den Anspruch einer fundierten wissenschaftlichen Dokumentation, jeden Donnerstag finden Fachvorträge über Einzelaspekte von Leonhardts Werk statt, und für Schulklassen wird ein museumspädagogisches Programm angeboten. Kaum eine Architektur- oder Ingenieurbau-Ausstellung der vergangenen Jahre hat so umfassend informiert und gleichzeitig mit solchem Engagement ihr Thema in eine breite Öffentlichkeit getragen.
Bis 26. Juli. LBBW-Forum, Am Hauptbahnhof 2, Mo–So 10–20 Uhr. www.fritz-leonhardt.de