Friedrich Wilhelm Kraemer (Braunschweig)

~Ulrich Höhns

Friedrich Wilhelm Kraemer war Architekt, Hochschullehrer und, neben Dieter Oesterlen, Otto Henn und Johannes Göderitz, der wichtigste Protagonist der »Braunschweiger Schule«, mit der sich weit mehr verbindet als die Lehre an der Architekturfakultät der Technischen Universität der Stadt während der fünfziger und sechziger Jahre. Hier wurden maßgebliche Leitlinien für die »Zweite Moderne« entwickelt, die vielerorts das Gesicht des Wiederaufbaus in der Bundesrepublik prägte.
Kraemers 100. Geburtstag war der Anlass für ein Team des Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur und Stadt (gtas) an der TU Braunschweig unter Leitung von Karin Wilhelm, dem heute eher in Fachzirkeln bekannten Architekten eine Ausstellung zu widmen. Die Präsentation im Sinne »einer weitgehenden Rekonstruktion des authentischen Entwurfsprozesses« erzwang einen gewissen Werkstattcharakter, kann jedoch nicht recht überzeugen und erscheint angesichts zahlreicher internationaler Referenzbeispiele, die auf Kraemers Werk Einfluss hatten, etwas unübersichtlich. Es überrascht, dass angesichts des Renommees des Architekten, des Weiterbestehens des Büros unter wechselnden Firmierungen bis zur heutigen Gruppe KSP sowie der Tradition des Lehrstuhls nur noch wenige Originaldokumente ermittelt werden konnten. Das Fehlen eines Niedersächsischen Architekturarchivs macht sich hier bemerkbar. Die spröde anmutenden Pläne stammen auch nicht aus der Hand Kraemers, sondern wurden von einigen seiner zeitweise bis zu 170 Mitarbeiter gezeichnet. Bestechend sind dagegen die suggestiven Architekturfotografien Heinrich Heidersbergers.
Kraemers Biografie ist streckenweise identisch mit der von anderen erfolgreichen Architekten seiner Generation. Ausgebildet im Geist der Reform der Zwanzigerjahre bei Carl Mühlenpfordt, machte er während des Nationalsozialismus schnell Karriere und entwarf Privathäuser und Industriebauten, wurde Vertrauensarchitekt der »Deutschen Arbeitsfront« und knüpfte nach Kriegsende 1945 an die für den Industriebau entwickelte Stringenz der Form an, die nun zum Leitbild für alle seine Bauaufgaben wurde. Mehrere ausgedehnte Studienreisen führten ihn nach Skandinavien und in die USA, wo er mit Größen von Alvar Aalto bis Ludwig Mies van der Rohe zusammentraf. Ihre Architektur wurde zum wesentlichen Bestandteil seiner Lehre und als Idee auch zur Basis seiner eigenen Entwurfspraxis. Seine eleganten, formal reduzierten Häuser spiegeln die Aufbruchstimmung in der jungen Bundesrepublik wider und sind Bausteine des neuen, im Krieg stark zerstörten und danach noch einmal kräftig aufgeräumten Braunschweig. Wegweisend sind hier Arbeiten wie die 1946 begonnene Rekonstruktion des Gewandhauses, luftige Industrieanlagen für den Hersteller der »Rolleiflex«, das feingliedrige, in diesen Tagen seiner Fassade beraubte Kaufhaus Flebbe gegenüber dem wiedererrichteten Schloss, ebenso Verwaltungshochhäuser im »Internationalen Stil« in Düsseldorf, Münster und Essen oder die kühne Schalenkonstruktion der Jahrhunderthalle in Frankfurt, die 1962 fertiggestellt wurde.
Bis 12. August. »Gesetz und Freiheit« Der Architekt Friedrich Wilhelm Kraemer (1907–1990), Braunschweigerisches Landesmuseum »Hinter Aegidien«, Di–Fr, So 10–17 Uhr, Katalog: 28 Euro, Berlin. www.gesetzundfreiheit.de