Friedrich Kiesler Stiftung, Wien, Foto: Fay S. Lincoln

Friedrich Kiesler (Berlin)

~Oliver G. Hamm

Für Philip Johnson war er »der größte nicht-bauende Architekt seiner Zeit«, den er selbstverständlich in die MoMA-Ausstellung »Visionary Architecture« (1960) aufnahm: Friedrich Kiesler (1890-1965), dem nur ein einziges dauerhaftes Bauwerk vergönnt war, hat als Raumschöpfer u. a. als Bühnenbildner und Ausstellungsgestalter – aber auch als Designer und Künstler und v. a. als Visionär und Theoretiker ein vielschichtiges Œuvre hinterlassen. Es ist nun erstmals umfassend in Deutschland zu sehen – in Berlin, wo er mit einem elektro-mechanischen Bühnenbild für Karel Čapeks Roboterdrama W.U.R. am Theater am Kurfürstendamm 1923 seinen Durchbruch als avantgardistischer Universalkünstler geschafft und erstmals seinen transdisziplinären Gestaltungsanspruch formuliert hatte.
In Wien sozialisiert, wo er 1908-13 Architektur und Malerei studierte (ohne Abschluss) und bis 1926 wirkte, siedelte Kiesler nach New York über, um eine internationale Theaterausstellung zu organisieren. Zuvor hatte er sich mit zwei Theaterausstellungen in Wien (1924) und Paris (1925) einen Namen gemacht – und mit der im Zuge dieser Ausstellungen entworfenen Raumbühne und dem Konzept einer Raumstadt. Seine Hoffnung, in der Neuen Welt mit seinen avantgardistischen Projekten zu reüssieren, erfüllte sich aber zunächst nicht, daher musste er mehrere Jahre als Bauzeichner und Schaufensterdekorateur seinen Lebensunterhalt verdienen. Erste Meriten als Architekt erwarb er sich mit dem Film »Guild Cinema« (1929) mit einer kameralinsenförmigen Einfassung der Leinwand und zusätzlichen Projektionsmöglichkeiten an die Seitenwände und die Decke des Auditoriums, das als »8th Street Playhouse« noch bis Anfang der 1990er Jahre in Betrieb war, ehe es in eine Videothek umgewandelt wurde. Mit dem Doppeltheater für Brooklyn Heights (1926-27), dem Woodstock Theater (1929-31) und dem Universal Theater (1959-61) entwickelte Kiesler drei – nur gezeichnete und als Modelle realisierte – Prototypen multifunktionaler Kulturspielstätten. Mehr Erfolg war ihm mit seinen rund 60 Bühnenbildern beschieden, die während seiner Lehrtätigkeit an der Juilliard School of Music (Scenic Design, 1934-57) entstanden, vor allem aber mit mehreren spektakulären Ausstellungsräumen. Einer von ihnen, den er für Peggy Guggenheims Galerie »Art of This Century« (1942) entworfen hatte, ist im Martin-Gropius-Bau als Modell im Maßstab 1:3 zu sehen, inklusive reproduzierter Kunstwerke und Möblierung. Bereits 1933 hatte sich Kiesler mit dem Space House – einem begehbaren Modell eines Einfamilienhauses in einem New Yorker Möbelgeschäft – vom rechtwinkligen Gestaltungsprinzip des Funktionalismus abgewendet, dem er sich als De Stijl-Mitglied lange verpflichtet gefühlt hatte. Mit dem Endless House (ab 1950) als »lebendigem Organismus«, dessen biomorpher Innenraum an Höhlen erinnert, entwarf er gewissermaßen den Prototyp zahlreicher Blob-Bauten der 90er Jahren. Ihm selbst gelang es mit dem Shrine of the Book in Jerusalem (1957-65, mit Armand Bartos) nur noch einmal, seinen Raumvisionen baulichen Ausdruck zu verleihen. Mit seiner weißgekachelten Betonkuppel und einer abgerückten dunklen Basaltmauer symbolisiert das Bauwerk den Kampf Gut gegen Böse. Die Berliner Retrospektive mit über 400 Zeichnungen, Modellen, Fotos und Kunstwerken aus der Hand Kieslers ist ein würdiger Auftakt der neuen Ausstellungsreihe »Wiederentdeckte Moderne« im Martin-Gropius-Bau, die ab September mit einer Wenzel Hablik-Schau fortgesetzt werden wird.
Bis 11. Juni. Friedrich Kiesler. Architekt, Künstler, Visionär. Martin-Gropius-Bau, Niederkirchenerstraße 7, 10963 Berlin, Mi-Mo 10-19 Uhr. Katalog 29,90 Euro