Frank Lloyd Wright (Bilbao)

~Klaus Englert

Das New Yorker Guggenheim feierte im letzten Jahr 50-jähriges Bestehen. Deswegen organisierte man eine Jubiläumsausstellung zu Ehren des Museumsarchitekten Frank Lloyd Wright. Die großartige und umfassende Schau ist derzeit im Guggenheim Bilbao zu besichtigen.
Die präsentierten Exponate bestechen durch eine Qualität, die heutzutage in vergleichbaren Ausstellungen leider selten geworden ist. Wright gestaltete nämlich mit viel Hingabe aufwendige Vorstudien mit Buntstiften, Wasserfarbe und Tinte (s. Abb.). Beispiels- weise die großformatigen Nachtimpressionen des im Kunstlicht erstrahlten Pittsburgh Point Parc Civic Center und der Lenkurt Elec- tric Company.
Für Wright war das keine bloße künstlerische Marotte. Denn dieser uramerikanische Architekt verlieh den Bauwerken, in denen die Menschen ihre Lebens- und Arbeitszeit verbringen, Atmosphäre. Wright träumte von einer organischen Architektur, die technische Konstruktion, räumliche Ausgestaltung, Materialauswahl und Dekoration stets auf den Menschen bezog. Der Amerikaner entwarf individuelle und frei ineinander übergehende Büro- und Wohnräume, die auch Mies van der Rohe bewunderte.
Die Ausstellung, die auch verschwenderisch große Maquetten von Wrights Stadtent- würfen zeigt, verdeutlicht, dass sich seine Arbeitshaltung in vielen Projekten der über 70-jährigen Tätigkeit offenbart. Die ausgestellten Werke belegen, dass er sämtliche architektonischen Genres – vom einsamen Landhaus bis zum »Mile High Illinois« –- immer wieder mit überraschenden Ideen beeinflusste. Wiedererkennbarkeit eines einmal gefundenen Stils war nicht seine Sache. Sein Credo waren die aus Holz errichteten Usonian Houses, die niedrige Baukosten mit erstaun- licher Entwurfsvielfalt kombinierten. In der Ausbreitung dieser Eigenheime weitab der verachteten Großstadt sah Wright das »größte architektonische Problem Amerikas« gelöst, denn jeder Bürger sollte auf dem Land sein eigenes Reich bewohnen können. Ausführlich dokumentiert ist in Bilbao das Herbert Jacobs House, das Wrights formale Erfindungsgabe beweist, die er auch für wenig repräsentative Projekte aufbrachte.
Die ausgestellte Fülle an Exponaten zeigt anschaulich, dass Wright selbst für die ländliche Architektur bestehende Bautraditionen äußerst eigenwillig adaptierte. Seine berühmten Prairie Houses setzen zwar die alte amerikanische Tradition autonomer Lebensweise auf dem Lande fort, aber Wright erfand dafür mit den ausladenden Dächern, den klaren Horizontalen und den asymmetrisch aufgelösten Baukörpern eine neue architektonische Sprache. Wright verstand sich als Architekt des amerikanischen Traums. Das gilt auch für das mehrmals wieder aufgebaute Taliesin im heimatlichen Wisconsin, wo er für seine Familie und seine engste Adeptenschar ein privates Paradies entsprechend seiner am Landleben orientierten Vision errichtete.
Wright deklinierte sämtliche Bautypen neu. Dabei orientierte er sich weniger an vorherrschenden Bauströmungen, sondern an japanischen Pagoden, ägyptischen Pyramiden, den massiven Bauten der Azteken, aber auch an den Spiralformen von Campanellas »Sonnenstaat«. Als der betagte Architekt 1953 beauftragt wurde, in Pennsylvania die Beth Sholom Synagoge zu bauen, dachte er offenbar an die Wigwams der nordamerikanischen Indianer.
Der abschließende Part der Guggenheim-Ausstellung zeigt den fast 90-jährigen Architekten, als er zu den fernen Ufern des Tigris aufbrach. König Feisal II. holte den Amerikaner in den Irak, um den Masterplan für eine moderne Stadterweiterung Bagdads zu entwerfen – mit einer kreisförmigen Oper für 1 600 Besucher, einem Universitätscampus samt Moschee, einem Postamt und einem prächtigen Boulevard, der sich, gesäumt von Museen, bis zur Tigris-Halbinsel erstrecken sollte. Frank Lloyd Wright war fasziniert von al-Rashids ringförmiger Stadt, die er zum Vorbild des neuen Bagdad erkor. »Plan for a Greater Bagdad« nannte er seinen ambitionierten Entwurf, den er dem Erbe der Sumerer und Babylonier widmete. Wright wünschte sich ein modernes Bagdad, das die prä-islamischen Fundamente wieder sichtbar macht.
Die Ausstellung offenbart, wie unermüdlich Wright in den letzten Lebensjahren an seinem »Greater Bagdad« arbeitete. Doch sein anspruchsvolles Projekt scheiterte an den Unbilden der irakischen Verhältnisse. Im Juli 1958 putschten die nationalistischen Militärs und ermordeten die Königsfamilie. Weil die neuen Machthaber in dem Masterplan eine Verherrlichung des Königshauses witterten, starb auch eine der ambitioniertesten Stadtprojekte der 50er Jahre. Dem Guggenheim Museum gebührt das Verdienst, diese unter den Kriegstrümmern verschüttete Periode wieder lebendig gemacht zu haben.
Bis 14. Februar, Frank Lloyd Wright Guggenheim Bilbao, Di-So 10-20 Uhr englischer Katalog »From Within Outward« 50 Euro, www.guggenheim-bilbao.es