Fotografien von Hélène Binet (berlin)

~Oliver G. Hamm

Eine erstaunlich große Zahl von Besuchern wandelt an einem heißen Augusttag andächtig durch die ständige Sammlung des Berliner Bauhaus-Archivs. Deutlich weniger Interesse findet eine kleine, aber feine Sonderausstellung mit Werken der Architekturfotografin Hélène Binet aus ihrer 25-jährigen Tätigkeit. Ob es daran liegt, dass hier einmal nicht die Ikonen der Bauhaus-Architektur ins Lichtbild gerückt wurden – oder schlichtweg daran, dass den meist ausländischen Besuchern nach so vielen Wow-Erlebnissen mit Bauhaus-Originalobjekten in der ständigen Sammlung schlicht der Kopf schwirrt und der Weg ins angrenzende Museumscafé näher liegt als die Konzentration auf eine weitere, ganz eigene und zudem nicht vordergründig Bauhaus-affine Bilderwelt?
Dabei lassen sich im Werk von Hélène Binet durchaus Bezüge zur Bauhaus-Fotografie erkennen, insbesondere zu Arbeiten von László Moholy-Nagy: Auch den Werken der 1959 in Sorengo (CH) geborenen, in Rom aufgewachsenen und in London lebenden Fotografin ist eine Vorliebe für ungewöhnliche Perspektiven, für das Spiel von Licht und Schatten und eher für bewusst gewählte Ausschnitte statt für das »große Ganze« eigen. Nicht die Dokumentation »einer architektonischen Struktur in ihrer physischen Gesamtheit« ist ihr oberstes Ziel – obwohl die meisten Aufnahmen als Auftragsarbeiten von Architekten entstehen –, vielmehr »strebt sie danach, die spezifische Atmosphäre und die Seele der Architektur in die Fotografie zu übertragen«, wie es Juhani Pallasmaa pointiert im 64-seitigen Katalog formuliert.
Die von der Fotografin selbst konzipierte Ausstellung mit insgesamt 70 mittel- und großformatigen, durchweg analogen Fotografien – größtenteils in Schwarzweiß – ist dialogisch aufgebaut: Kleinen Architekturserien von Le Corbusier, John Hejduk, Peter Zumthor und Zaha Hadid, mit deren Werken sich Binet seit Langem beschäftigt, ist jeweils eine zweite Serie mit Architektur- oder Landschaftsaufnahmen zugeordnet. Die künstlerische Qualität der einzelnen Fotografien ist durchweg bestechend und auch die Serien wirken in ihrer jeweiligen Geschlossenheit sehr überzeugend, dagegen erschließen sich die Zuordnungen nicht immer auf den ersten Blick – und sind trotz Erklärung teils nicht nachvollziehbar.
Sehr gelungen ist der Dialog von drei Aufnahmen unterschiedlicher Hadid-Bauten (s. Abb.) mit drei Impressionen der Atacama-Wüste in Chile, deren Faltungen auf wunderbare Weise mit den organischen, an geologische Formationen erinnernden Baukörperausschnitten korrespondieren. Auch das Zwiegespräch zwischen den jeweils mittelformatigen Aufnahmen diverser Hejduk-Bauten und -Installationen mit einer Serie von Ludwig Leos Umlauftank der Versuchsanstalt für Wasserbau und Schiffbau in Berlin funktioniert ausgesprochen gut; in ihrer Eigenheit und Rätselhaftigkeit zugleich ergänzen sich die baulichen Objekte gewissermaßen zu einer Art triadischem Ballett in der Tradition Oskar Schlemmers.
Die beiden übrigen Architekturbilderduette leiden dagegen an der unübersehbaren Dominanz jeweils eines »Partners«: Die vergleichsweise zarten Studien von Jantar Mantars Observatorium in Jaipur werden von den harten und sehr beeindruckenden Licht- und Schattenstudien von Le Corbusiers Kloster Sainte-Marie de La Tourette buchstäblich an die Wand gedrückt. Und die eher konventionellen Aufnahmen von Sigurd Lewerentz’ Markuskirche in Björkhagen verbindet mit den raffinierten Ausschnitten verschiedener Zumthor-Bauten kaum weniger als eine Anekdote: Peter Zumthor beauftragte Binet erstmals 1996, nachdem er just diese Björkhagen-Aufnahmen gesehen hatte.
Bis 26. Oktober. dialoge – Fotografien von Hélène Binet, Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung, Berlin, Mi-Mo 10-17 Uhr, Katalog 10 Euro. www.bauhaus.de