_______________________________

Fahr Rad! (Frankfurt a. M.)

~Alfred Hottmann

Betrachtet man, welche Faktoren die Stadtplanung im Europa der Nachkriegszeit maßgeblich beeinflussten, so ist die Bedeutung des Automobils als Massenphänomen wohl kaum zu leugnen. Mehrspurige »Stadtautobahnen« durch Kerngebiete, wuchtige Parkhäuser und der zunehmende Lastenverkehr prägen das Stadtbild vielerorts bis heute als »autogerechte Stadt«. Mit dem steten Anwachsen der damit einhergehenden Probleme wie Schadstoffbelastung, Staus, Bodenversiegelung und Platzmangel etablierte sich das Fahrrad zunehmend als urbanes und v. a. nachhaltiges Fortbewegungsmittel. In der Ausstellung Fahr Rad! im DAM werden zu dieser Erfolgsgeschichte städtebauliche und architektonische Planungen beleuchtet, die das Fahrrad in den Mittelpunkt stellen.

Im ersten Teil der in zwei Bereiche gegliederten Ausstellung werden Städte und Regionen vorgestellt, in denen das Fahrrad entweder schon eine gewisse Relevanz genießt, oder die diese zumindest in Zukunft auszubauen versuchen. Hier lassen sich Eckdaten, wie Bevölkerungszahl und Mobilitätsverhalten vergleichen und anhand einiger Beispiele der jeweilige Umgang mit dem Thema Fahrrad nachvollziehen. Mit dabei sind natürlich die Städte Kopenhagen und Groningen, die bereits seit einigen Jahren mit zahlreichen fahrradfördernden Infrastrukturprojekten für internationales Aufsehen sorgen. Aber auch in Barcelona, New York oder im Ruhrgebiet, so erfährt der Besucher, macht man sich viele Gedanken über die Mobilität auf zwei Rädern.

Im zweiten Bereich der Ausstellung wird auf konkrete Entwürfe eingegangen, die z. T. auch schon realisiert sind. Ein besonders herausragendes Projekt stellt das Hotel- und Wohngebäude »Ohboy« in Malmö dar, denn hierfür war das Fahrrad im wahrsten Sinne das Maß der Dinge: Geräumige Aufzüge, Abstellnischen für Fahrräder vor und in jeder Wohnung sowie eine hauseigene Leihstation für Lastenräder sind wichtige Bestandteile des Gebäudekonzepts. So konnte – allerdings nur ausnahmsweise – vollständig auf den ansonsten geforderten Stellplatznachweis für Pkws verzichtet werden. Ein anderes Projekt zeigt die Synergien von neuer und bereits vorhandener Infrastruktur auf: Bei der »Radbahn« in Berlin soll ein Radweg unterhalb der bestehenden Hochbahntrasse der U1, und somit von ihr überdacht, entstehen. Entwürfe wie diese veranschaulichen aufs Beste, welches Potenzial dem Fahrrad als Vernetzungselement innewohnt.

Als Ausstellungsmobiliar haben die Kuratoren Annette Becker, Stefanie Lampe und Lessano Negussie luftige Gitterzäune zur Hängung von Schautafeln und Drahtsessel, von denen aus man Videosequenzen zu den Projekten betrachten kann, gewählt. Dies sorgt, passend zum Thema, für eine entspannte Atmosphäre.

Die Ausstellung trifft den Nerv der Zeit und führt gelungen vor, dass Architekten und Stadtplaner gerade beim Thema der Mobilität einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft leisten können.

Bis 2. September. Fahr Rad! Die Rückeroberung der Stadt. Deutsches Architekturmuseum, Schaumainkai 43, 60596 Frankfurt a. M., Di-So 11-18, Mi bis 20 Uhr, Publikation: Annette Becker, Stefanie Lampe, Lessano Negussie, Peter Cachola Schmal (Hrsg.), 34,90 Euro im Museumsshop,
www.dam-online.de