die stadt von morgen (berlin)

~Urte Schmidt

Beim Spaziergang durch das Hansaviertel, in seiner heutigen Form gerade ein halbes Jahrhundert alt, beschleicht einen das Gefühl, sich in einem Freilichtmuseum zu bewegen. So grün, so ruhig und so sauber wirkt diese Insel im vom Blockrand dominierten Stadtzentrum Berlins. Nur wenige Gebrauchsspuren finden sich im öffentlichen Raum und an den sanierten Vorzeigebauten der fünfziger Jahre. Den musealen Eindruck unterstreichen vereinzelt flanierende Architekturtouristen, die staunend und diskutierend vor den Bauten Eiermanns, Aaltos, Gropius oder Niemeyers stehen bleiben. Die Bewohner hingegen sind selbst am Wochenende kaum zu sehen und zu hören, die wenigen Spielplätze sowie die Wiesen bleiben leer, nur ein paar Familien picknicken in einer von Büschen umsäumten Anlage.
Belebter hingegen die Akademie der Künste und ihre angrenzenden Freibereiche. Sie feiert das Jubiläum des eigenen Quartiers mit einer Ausstellung, in der sich 15 internationale Künstler mit den Ideen zum modernen Leben befassen, die Ausgangspunkte für die beispielhaften Bauten im Rahmen der Interbau 1957 waren. Dabei erinnern sie auch an das Hansaviertel der Vorkriegszeit, das im späten 19. Jahrhundert entstand, im Krieg aber stark zerstört wurde. So drehten Andree Korpys und Markus Löffler ihren Film zum Beispiel im Hansaviertel der Gegenwart und kombinierten ihn mit Aufnahmen eines Unbekannten, die den Abriss der letzten bewohnbaren Häuser 1953 dokumentieren. Die Künstler zerschlagen darin schließlich mit einem Stamm bekannte Designobjekte der Nachkriegsmoderne und schockieren die Liebhaber des Retro-Chic. – Wie viel Zerstörung war nötig, um dem Neuanfang Platz zu machen? Was macht einen Gegenstand schützenswert und wie groß ist sein symbolischer Wert?
Im Video »Exquisite Function« inszeniert Dorit Margreiter Stühle, Tische und Geschirr, die sowohl den Musterwohnungen der Interbau als auch den heutigen entnommen seinen könnten. Die Kamera gleitet fast liebevoll ästhetisierend über jedes Einzelstück. Im Kontrast dazu liest eine Stimme über Kopfhörer einen teils fiktiven Fernsehbeitrag über die Bewohner des Hansaviertels, lässt diese zu Wort kommen und beschreibt sie so detailliert, dass sie bildhaft werden und auf einmal dienen die schicken Oberflächen der Einrichtungsstücke nur noch als Kulisse der Zeitzeugen.
Die Künstler Folke Köbberling und Martin Kaltwasser haben es 2004 geschafft, eine ehemalige Musterwohnung zu ergattern. Sie nehmen die Leitsätze der Moderne ernst und regen mit ihrem »Hybridraum – 7 Anleitungen für die Stadt von heute« zur Wiederentdeckung der gemeinschaftlichen Flächen an – aus einem Bauwagen heraus. So bespielt die Ausstellung weite Teile des Viertels und trägt vielleicht auch dazu bei, dass »Die Stadt von morgen« nicht zum denkmalgeschützten Liebhaberobjekt verstaubt.
Bis 15. Juli. Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Mi–Fr 15–20, Sa/So 12–20 Uhr, Führungen samstags 16 Uhr. www.diestadtvonmorgen.de