DIE KUNST DER ENTSCHLEUNIGUNG (WOLFSBURG)

~Hartmut Möller

Man möchte meinen, dass sich die Erde täglich schneller dreht. Hektik und Zeitnot bestimmen unseren Alltag. Das Internet mit Auswüchsen wie Twitter und Facebook versetzt seine Nutzer zusätzlich mittels Smartphones und Tablet-PCs in einen regelrechten Rausch. Zeitgleich breiten sich Klimakatastrophen, Verkehrskoller, Finanzkrisen und ein kollektives Burnoutsyndrom aus. Die Geschichte der Beschleunigung als Resultat von Industrialisierung und Moderne bis zur Gegenwart präsentieren Markus Brüderlin und sein Team mit einer jeweils analog geschaffenen, kontrapunktischen Kunst, die dem stärker werdenden Bedürfnis nach Entschleunigung und Muße entspricht.
Der chronologische Rundgang beginnt im Zeitalter der Aufklärung und Romantik. Neben William Turners entfesselter Naturgewalt »Rough Sea with Wreckage« hängt Caspar David Friedrichs symmetrisch ausgeglichenes »Meeresufer im Mondschein«. Vor Auguste Rodins »L’Homme qui marche« verharrt in sich Aristide Maillols »La Méditerranée«. Auf den Spuren der klassischen Moderne folgen entlang einer gebogenen Wandscheibe Exponate der italienischen Futuristen wie Tullio Crali und Giacomo Balla, die eine Schönheit der Geschwindigkeit propagierten. Ihnen gegenübergestellt befinden sich in dunklen kubischen Kabinetten Ölgemälde ihres Landsmannes Giorgio de Chirico und des Spaniers Oscar Domínguez, deren Bildräume – oft leere Plätze – in Unbeweglichkeit erstarrt sind. Als weitere Paarungen werden u. a. Robert Delaunay und Mark Rothko, László Moholy-Nagy und Kasimir Malewitsch sowie El Lissitzky und Stanley Kubrick gezeigt. Die Maschinenbegeisterung schlug sich in der kinetischen Kunst von Jean Tinguely nieder, der diese durch seine leerlaufenden, rumpelnden Skulpturen gleichsam ironisierte. Auch in der Lichtkunst lassen sich beide Gegenpole finden. Während Bruce Naumans »Marching Man« hektisch flimmert verändern sich die Farben von James Turrells »Moenkopi« schleichend. Dass sich das Medium Film zum Thema besonders eignet ist einleuchtend. Eadweard Muybridge brachte seinen Bildern zur Bewegungsanalyse bereits Ende des vorletzten Jahrhunderts das Laufen bei. Marcel Duchamps Kollotypie »Akt, eine Treppe herabsteigend« hat den Bewegungsfluss regelrecht eingefroren. Bei Sam Taylor-Wood verwest ein Hase im Vier-Minuten-Zeitraffer, Douglas Gordon hingegen streckt mit »24 Hour Psycho« Alfred Hitchcocks Klassiker per Abspielgeschwindigkeit auf 24 Stunden. Nicht immer erschließen sich die jeweiligen Antipoden dem Betrachter zwangsläufig. Eine gute Erläuterungshilfe ist daher der lesenswerte Katalog und das hervorragende, am Eingang kostenlos erhältliche Faltblatt mit konkreten Hinweisen zur Werkauswahl.
Der Termin der Ausstellung ist günstig gewählt. Wann, wenn nicht in der für gewöhnlich beschaulicheren Winterzeit, wäre es naheliegender, die »Kunst der Entschleunigung« einem breiten Publikum zu vermitteln. Allerdings verlangen die Fülle und Vielfalt der 160 Arbeiten von 85 durchgehend renommierten Künstlern dem Besucher eine hohe Aufmerksamkeit ab. Zum ruhigen Ausklang empfiehlt sich daher im Anschluss die parallel im Haus gezeigten Fotolandschaften von Henri Cartier-Bresson, welche gleichnamig »Die Geometrie des Augenblicks« festhalten.
Bis 9. April. Die Kunst der Entschleunigung – Bewegung und Ruhe in der Kunst von Caspar David Friedrich bis Ai Weiwei. Kunstmuseum Wolfsburg, Hollerplatz 1, 38440 Wolfsburg, Mi-So 11-18, Di 11-20 Uhr. www.kunstmuseum-wolfsburg.de