Die Bauten von Ferdinand Kramer (Frankfurt a. M.)

~Enrico Santifaller

Die Lektüre von Theodor W. Adornos Schriften ist auch heute noch lehrreich und lohnend. Auch wenn seine ebenso kühnen wie verwinkelten Gedankengänge nicht jedes Mal eine vergnügungssteuerpflichtige Veranstaltung darstellen. Aus Architektur-Perspektive besonders spannend ist der Aufsatz »Funktionalismus heute« aus dem Jahre 1965, der mit Adolf Loos‘ »Ornament und Verbrechen« abrechnet. Im Hass auf das Ornament der Klassischen Moderne witterte der Sozialphilosoph und Musiktheoretiker die lustfeindliche Arbeitsmoral einer industriellen Gesellschaft. Die neue Sachlichkeit habe etwas »Eintöniges, Dürftiges, borniert Praktisches«, die den Menschen, »deren Bedürfnis sie zu ihrem Maßstab erklärt, durch spitze Kanten, karg kalkulierte Zimmer, Treppen und Ähnliches sadistische Stöße versetzt«. Pikant an diesen Angriffen war der Umstand, dass es ausgerechnet sein Jugendfreund Ferdinand Kramer war, der sich nicht nur mit Adolf Loos befreundete, sondern auch dafür sorgte, dass die »Frankfurter Zeitung« Loos‘ Essay nachdruckte. Und Adorno kannte karg kalkulierte Räume aus eigener Erfahrung, war er doch Professor an jener Universität, für die Kramer, mit dem man am Wochenende zum gemeinsamen Ausflug in den Taunus fuhr, zwischen 1952 und 1964 insgesamt 23 Gebäude plante.
In der noch bis zum 1. Mai zu sehenden Ausstellung »Linie Form Funktion – die Bauten von Ferdinand Kramer« des Deutschen Architekturmuseums steht diese Periode des 1898 in Frankfurt geborenen Architekten im Zentrum. Und das aus ganz aktuellem Grund: Seit die Universität beschlossen hat, sukzessive den Campus Bockenheim aufzugeben und in ein neues Quartier nördlich des IG-Farbenhauses von Hans Poelzig zu ziehen (die letzten Institute werden 2018 umsiedeln), steht Kramers Hauptwerk auf der Kippe. Mehrere Gebäude wurden schon abgerissen, weiteren Bauten droht ein ähnliches Schicksal. Erhalten und vorbildlich saniert durch das Bochumer Büro SSP SchürmannSpannel ist allein das Institutsgebäude für Pharmazie von 1960. Das neungeschossige Philosophicum (s. Abb.), ein knapp 80 m langes Scheibenhochhaus mit außenliegendem, nicht verkleidetem Stahlskelett, wird nach Plänen von Stefan Forster zu einem Studentenheim umgebaut und mit einem Ergänzungsbau an der Gräfstraße zu einer Blockrandbebauung transformiert. Der 1963 fertiggestellten Mensa, die ebenfalls abgerissen werden sollte, half die Flüchtlingswelle: Im Herbst 2015 schuf darin die Stadt für 350 Flüchtlinge eine Unterkunftsmöglichkeit. Dass die Zerstörung des ehemaligen, bewusst in der Vision einer demokratischen Massenuniversität geplanten Hochschulcampus weitgehend unbemerkt und klaglos verläuft, liegt auch daran, dass viele ehemalige Studenten sich an die Unibauten mit eher negativ besetzten Gefühlen erinnern.
Nachdem schon das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst im Frühjahr 2014 mit einer Ausstellung Kramers Möbeldesign würdigte, versucht nun das DAM die Architektur Kramers zu rehabilitieren. Gegliedert wird sie in vier chronologische Abteilungen, die mit jeweils einem Pastellton als Hintergrundfarbe dezent-elegant gekennzeichnet und schönen Holzmodellen illustriert werden. Die Schau dokumentiert die Anfänge Kramers als Mitarbeiter von Ernst May und wirft einen Blick auf die aus eigenem Empfinden Kramers wenig gelungenen Versuche in den USA als Angestellter zu überleben, nachdem er wegen seiner jüdischen Frau aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen wurde. Zuletzt wurden die Hochschulbauten präsentiert sowie mehrere Privathäuser, die Kramer nach seiner Pensionierung für ein eher wohlhabendes Klientel plante. Schon sein erster größerer Bau, eine leider nicht erhaltene »Großgarage« im Frankfurter Gutleutviertel, zeigt seine Betonkonstruktion unverkleidet und schalungsrauh. Die »knappste Erscheinung des Technischen, ohne Verschönerungsabsicht«, wie Kramer das Gebäude selbst beschrieb, blieb ebenso wie das asketisch nüchterne Erscheinungsbild seiner Bauten das Kennzeichnen seines Œuvres bis ins hohe Alter.
Im DAM bedeutet die Kramerschau das Ende einer Ära: Kurator Wolfgang Voigt, seit 1997 stellvertretender Direktor des Hauses, ist Ende 2015 aus Altersgründen ausgeschieden. Während der aktuelle Direktor Peter C. Schmal aus politischen Zwängen der von seiner Vorgängerin Ingeborg Flagge angelegten Richtung ins Populäre, ins Gefällige, bisweilen auch Modische weiter folgt, stand Voigt für wissenschaftliche Solidität und Substanz. Der promovierte Architekturhistoriker, der sich mit Forschungen zu deutschen Architekten im besetzten Elsass 1940 bis 1944 habilitierte, stand in der Tradition des Gründungsdirektors Heinrich Klotz und seinen Nachfolgern Vittorio M. Lampugnani und Wilfried Wang: Mit Ausstellungen über Heinz Bienefeld, Paul Schmitthenner und Paul Bonatz versuchte er die Aufmerksamkeit auf Architekten zu lenken, die von der klassischen Architekturhistorie meist links liegen gelassen werden. Mit Monografien zu Ernst May, Martin Elsässer und zuletzt eben Kramer verortete er das Haus auch in der Frankfurter Baugeschichte. Ob es zu einem Konflikt zwischen diesem und Adorno gekommen ist, darüber hat Voigt leider wenig herausbekommen. Nach Auskunft von Kramers zweiter Frau Lore sei man im Hause Kramer zur Ansicht gekommen, dem »Teddy« Adorno mangele es an gutem Geschmack.
Bis 1. Mai. Linie Form Funktion. Die Bauten Ferdinand Kramers. Deutsches Architekturmuseum, Schaumainkai 43, 60596 Frankfurt a. M., Di-So 11-18, Mi bis 20 Uhr, Begleitbuch zur Ausstellung für 32 Euro an der Museumskasse, www. dam-online.de