Der entfesselte Blick (Herford)

~Hartmut Möller

Heinz (1902-96) und Bodo (1903-95) Rasch gehören zu den wenig gewürdigten Vertretern der klassischen Moderne. Zu Unrecht, wie die erste museale Werkpräsentation offenbart. In den Jahren 1926-30 betrieben sie ein gemeinsames Atelier im progressiven Stuttgart und arbeiteten in dieser überaus fruchtbaren Zeit als Planer, Architekturtheoretiker, Werbegrafiker, Möbelgestalter und Publizisten. Der gemeinsame Auftritt als kollektive Urheber entwickelte sich dabei zu ihrem Markenzeichen.
Die Ausstellung ist als Rundgang konzipiert. Ihr Titel, der sich an eine Veröffentlichung von 1930 anlehnt, verspricht nicht zu viel. Im großen Dom und dem direkt anschließenden Saal wird man der Fülle und Beteiligungen an markanten Projekten gewahr. Gezeigt werden etliche Fotografien, Film- und Tonbandaufnahmen, Bücher, Modelle und Skizzen. Gemälde und Briefe vom befreundeten Willi Baumeister, von Oskar Schlemmer und Otto Dix belegen die enge Vernetzung der zwei Generalisten mit der avantgardistischen Gestaltungs- und Architekturszene. Das heute leider weiß verputzte Wohnhaus für den Onkel (unweit des gerade zum Museum des Jahres 2014 gekürten MARTa) wirkte einst tatsächlich wie eine Miniaturversion von Mies van der Rohes Backsteinbauten in Krefeld. Für ihn und Peter Behrens richteten sie in der Weißenhofsiedlung je ein Zimmer ein und bauten noch vor Mart Stam einen Kragstuhl, wenngleich aus Holz. Die Brüder experimentierten mit modularer Bauweise, pneumatischen Architekturen, Hängehäusern und ersannen aus diesen ganze Städte. Obwohl sie stets die Nähe zur Industrie suchten, blieben viele ihrer technisch ausgefuchsten Entwürfe lediglich Utopien auf Papier. Ihre Rezeption auf jüngere Baugrößen, wie Norman Foster, Richard Rogers, Archigram, Coop Himmel(b)lau, Kengo Kuma, Kisho Kurokawa, Egon Eiermann u. a. wird in drei weiteren Kabinetten untersucht. Die Ausstellungsarchitektur selbst schafft mit zu Containern geformten Schwingtoren und -türen (s. Abb.), Kupferleitungen mit Pressfittings sowie Kunststoffpaneelen einen inhaltlich verknüpfenden Hintergrundrahmen.
Das kuratorische Team um den Direktor Roland Nachtigäller hat reichlich Material zusammengestellt, eine gewisse Konzentration ist daher Voraussetzung für den Besuch. Zwischen die Exponate eingestreute Skulpturen und Installationen kontemporärer Künstler stehen optisch in Bezug zum Œuvre der Raschs und bieten einen angenehmen Ruhepol.
Ob sich alle gezeigten Stränge in die Gegenwart als geistige Fortsetzung der umtriebigen Pioniere konkretisieren lassen, bleibt ungewiss. Zweifelsohne hatten sie auf damalige Mitstreiter ebenso wie auf zeitgenössische Baumeister beträchtlichen Einfluss. Frei Otto beispielsweise ließ sich für das hängende Dach des Münchener Olympiastadions von deren kühnen Zeichnungen zu stahlseilverspannten Zeltkonstruktionen inspirieren. Auch auf die Gefahr hin, dass die Schau kein Publikumsmagnet wird, nimmt sie sich eines Nischenthemas an. Umso größer ist ihr Verdienst, zwei geschichtlich wichtige Protagonisten aus dem Schatten der Anonymität heraustreten zu lassen. Die Moderne wurde immerhin – neben den bekannten Übervätern – von etlichen im Hintergrund wirkenden Vorkämpfern getragen.
Bis 1. Februar. Der entfesselte Blick – Die Brüder Rasch und ihre Impulse für die moderne Architektur. MARTa Herford, Goebenstraße 2-10, 32052 Herford, Di-So und an Feiertagen 11-18 Uhr, jeden 1. Mi im Monat bis 21 Uhr, www.marta-herford.de