demo:polis (Berlin)

~Paul Andreas

Die weltweit eingeleitete Renaissance der Städte verleiht der Frage nach dem öffentlichen Raum eine besondere Virulenz. Anders als das Selbst-Bespiegelungskabinett der sozialen Netzwerke und der bis in die letzte Nische überwachte und kommerzialisierte virtuelle Raum des Internets, ist der reale öffentliche Raum immer noch der »Erscheinungsraum«, in dem alle Individuen ihre Ansprüche und Werte freiheitlich miteinander verhandeln. Zumindest in der Theorie, greifen doch auch hier durch die zunehmende Eventisierung und »Mallisierung« partikuläre Verwertungsinteressen immer weiter um sich. Aber auch angesichts neuer Datenbrillen-Technologien, die das Anonymitätsrecht in der Öffentlichkeit massiv infrage stellen, steht es nicht gut um diesen gemeinschaftlichen Freiraum, ohne den eine demokratische Gesellschaft nicht denkbar und auch nicht erlebbar ist.
Die Berliner Ausstellung »demo:polis« verteidigt das »Recht auf öffentlichen Raum« nicht nur, sie denkt es auch weiter, indem sie sich der Frage stellt, wie dieser öffentliche Raum heute strukturiert und gestaltet sein muss und in welchen veränderten partizipativen Prozessen über seine Form und Ausprägung entschieden werden sollte. Projekte, die von sogenannten Bottom-Up-Initiativen getragen werden, bilden dabei einen wichtigen, wenn auch nicht ausschließlichen Fokus der Projektauswahl, die die Kuratoren Wilfried Wang und Barbara Hoidn mit thematischem Gespür vorgenommen haben.
Das zunächst etwas angestaubt anmutende, angesichts der Zählebigkeit der Planungstechnokratie aber durchaus zeitgemäße Willy-Brandt-Motto »Mehr Demokratie wagen« ist der Leitimperativ, der sich sowohl durch die Ausstellung wie auch den umfangreichen Katalog zieht.
»demo:polis« beginnt mit einer Bestandsaufnahme und Problembeschreibung: Anhand des ewig unfertig erscheinenden Alexanderplatzes und der einst politisch geteilten, heute paradox sozialräumlich auseinanderdriftenden Berliner Ackerstraße wird deutlich, wie wenig sich der öffentliche Raum in einer allgemeingültigen Formel fassen lässt. Wie die zurückhaltend dokumentarischen »Timescape«-Fotografien von Michael Ruetz zeigen, die über Jahrzehnte an identischen Beobachtungspunkten entstehen, unterliegt der öffentliche Raum in seiner Struktur, Gestaltung und Nutzung einer permanenten Transformation, die dem gesellschaftlichen Wandel ein Gesicht gibt.
Vom öffentlichen Raum als politischer Kampfzone – dargestellt an arabischem Frühling, Istanbuler Gezi-Park und den letztjährigen Menschenansammlungen nach den Terrorattentaten von Paris – führt die Ausstellung zu Kunstprojekten, die seit den 80er Jahren gefragt oder ungefragt im öffentlichen Raum intervenieren. Schon kleine, aber sehr bewusst gesetzte Injektionen, wie sie die Künstlerduos Stih/Schnock im Bayerischen Viertel in Berlin oder Wermke/ Leinkauf auf der Brooklyn Bridge in New York setzten, können zu einem echten »Lackmustest« (Wilfried Wang) für das aktuelle Wertesystem der Öffentlichkeit führen.
Der breite Themenfokus der Ausstellung, der sich in seinem heterogenen Ausstellungsdesign durchaus adäquat widerspiegelt, führt schließlich in die Planungsdiskussion hinein: Dem ungelösten Vermittlungsproblem Rechnung tragend, das sich immer wieder bei der Mitwirkung der Öffentlichkeit in Gestaltungsfragen ergibt, werden zwei Projekttypen präsentiert: Einerseits geht es um gestaltungsorientierte, und doch weniger möblierend als elementar strukturierende Best-Practice-Planungen aus Moderne und Gegenwart: die Brücken- und Uferplanungen für Ljubljana von Josef Plecnik sind darunter, Lacaton&Vassals legendäre Minimal-Umgestaltung der Place Léon Aucoc in Bordeaux oder Norman Fosters autofreie Umgestaltung des Trafalgar Squares.
Ein zweiter Teil fokussiert dann Projekte, die durch Bottom-Up-Initiativen ins Rollen gebracht wurden: Das in Madrid auf einem wiederbelebten Platz institutionalisierte Genossenschaftsprojekt Campo de Cebada schafft genauso wie das mobile »Urbane Parlament« der Gruppe Zuloark einen Ort des Austauschs, an dem die unterschiedlichsten Anspruchsgruppen, Experten und Laien miteinander ins Gespräch kommen – als sei vor allem der Weg das Ziel. Auch der temporär mit Jugendlichen konzipierte und erbaute Granby Park in den benachteiligten Outskirts von Dublin hat Gruppen zusammengebracht, die vorher verfeindet waren. Schließlich kommt auch Berlin noch einmal ins Spiel: Das mit kreativen Aktionen gewonnene Quorum um das bis auf Weiteres vor Verwertungsinteressen bewahrte Tempelhofer Feld ist ein Beweis dafür, dass zuweilen auch in der nahezu unprogrammierten Leere ein großes Reservoir für Öffentlichkeit liegen kann.
Bis 29. Juni. DEMO:POLIS – Das Recht auf Öffentlichen Raum. Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin-Tiergarten, Di 14-22, Mi-So 11-19 Uhr, www.adk.de