DAHEIM (Frankfurt a. m.)

~Franziska Puhan-Schulz

Wie sollte zeitgemäßer Wohnungsbau in Anbetracht der heutigen enorm individualisierten Lebensweisen beschaffen sein? Welche Wohnmodelle sind für welche Nutzergemeinschaften attraktiv? Und welche Formen von Gemeinschaft spielen dabei eine Rolle? Diesen Fragen gehen die Kuratorinnen Annette Becker und Laura Kienbaum u. a. anhand 26 weltweit seit dem Jahr 2 000 realisierter Projekte nach. So unterschiedlich deren kultureller Kontext ist auch deren Typologie: Sie reicht vom Mehrfamilienhaus – teilweise auch mit gewerblicher Nutzung – bis hin zur Wohnanlage. Sowohl Neubauten als auch Umbauten, Sanierungen und Umnutzungen wurden bei der Zusammenstellung berücksichtigt.
Alle Wohnprojekte werden anhand von Modellen, Fotos sowie Texttafeln, die auf schlichten Tischen angeordnet sind, präsentiert. Hierbei lässt sich, jeweils übersichtlich aufbereitet, über die harten Fakten ebenso viel erfahren wie über die architektonischen Besonderheiten und den jeweiligen gut dokumentierten Projektverlauf bis zur Fertigstellung.
Von den Kuratorinnen wird betont, dass drei Elemente beim gemeinschaftlichen Planen, Entwickeln und Bauen grundlegend sind: »die gemeinschaftliche Immobilie, darin die Möglichkeit der Begegnung und die Eigenverantwortlichkeit für das Gemeinschaftliche«. Gerade auch in dieser Hinsicht fallen besonders drei Projekte ins Auge: zum einen die rote Villa von NEXT architects in Almere (NL) auf dem flachen Land mit luxuriösen 200-300 m² für jede der fünf Wohneinheiten, zum anderen der materialorientierte Umbau des denkmalgeschützten Sandberghofs in Darmstadt von Schauer + Volhard Architekten mit vier kleineren Wohneinheiten für die Generation 55+, aber auch ein Atelierhaus für vier jüngere Künstler in Yokohama, dessen Gemeinschaftsraum mit Kochgelegenheit von der Straße frei zugänglich ist (s. Abb.).
Als eigenständiges Thema werden die möglichen Finanzierungsformen erläutert, darunter die drei häufigsten: das Investorenmodell, das Baugruppenmodell (mit Beispielen v.a. aus Berlin) und das Genossenschaftsmodell (mit Beispielen aus Zürich und Wien).
Ein »Projekt-Archiv« zu weiteren bemerkenswerten Wohnprojekten sowie eine Handbibliothek, die zur Vertiefung des Themas einlädt, erweitern die Präsentation.
Auch eine Historie vom Wohnen in Gemeinschaften – von Robert Owens Wohnutopien des 19. Jahrhunderts über Arbeiterpaläste und Co-housing-Siedlungen bis hin zur Stadtentwicklung mit Baugruppen seit den 90er Jahren – ist in der Ausstellung unterhaltsam zusammengefasst. Diese geschichtliche Übersicht lässt einen zu dem Schluss kommen, dass Gemeinschaft sich nicht architektonisch planen bzw. verordnen lässt, sondern lediglich aus dem Wunsch und der Bereitschaft der Bewohner heraus erwachsen kann.
»Daheim« ist für diejenigen in besonderem Maße sehenswert, die selbst in einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt leben möchten oder eins planen möchten, als Inspiration und Übersicht. Die Ausstellung regt darüber hinaus v. a. auch dazu an, über die soziale Aufgabe des Wohnungsbaus und die Verantwortung, die sich daraus ergibt, erneut gründlich nachzudenken.
Bis 28. Februar. Daheim. Bauen und Wohnen in Gemeinschaft. Deutsches Architekturmuseum, Schaumainkai 43, 60596 Frankfurt a. M., Di-So 11-18, Mi bis 20 Uhr, dt./engl. Katalog, Birkhäuser Verlag, Basel 2015, 34,95 Euro im Museumsshop, www.dam-online.de