Cecil Balmond (Humlebæck)

~Roman Hollenstein

Zur Umsetzung ihrer Visionen sind Architekten immer stärker auf künstlerisch begabte Ingenieure angewiesen. Der einflussreichste unter ihnen ist derzeit der Querdenker Cecil Balmond, der sich von mittelalterlicher Zahlenmystik ebenso anregen lässt wie von pflanzlichen Strukturen oder nichteuklidischen Geometrien. 1943 in Colombo auf Sri Lanka geboren, studierte Balmond Mathematik und Bauingenieurwesen, war aber auch als Musiker erfolgreich. Nach dem Eintritt ins Büro Arup wurde der als Tüftler, Erfinder und Künstler bewunderte Ingenieur bald schon zum unkonventionellen Ratgeber von Rem Koolhaas. Gleichwohl blieb Balmond, der auch mit Größen wie Daniel Libeskind oder Alvaro Siza zusammenarbeitet, lange nur Insidern bekannt. Das soll nun anders werden dank einer Balmond-Retrospektive im Louisiana-Museum in Humlebæck bei Kopenhagen, die den Auftakt zur Ausstellungsreihe »Grenzen der Architektur« bildet.
Die fulminante, unbedingt sehenswerte Schau gliedert sich in drei Teile: Unter dem Motto »Rainbow« werden vom Wasserstrudel bis zur Chaosforschung Anregungen aus der Natur vorgestellt, die sich Balmond zunutze macht. Aus Zahlen, Proportionen und mathematischen Gesetzen, die der Welt zugrunde liegen, leitet er über dynamisch sich entfaltende Prozesse neuartige Formen ab, wie etwa das unrealisierte Projekt des Chemnitzer Stadions von 1995 zeigt.
Unter dem Stichwort »Flux«, das auf das Entstehen mehrdimensionaler Objekte in einem gefalteten dreidimensionalen Raum hinweisen soll, demonstriert Balmond dann die wissenschaftliche Umsetzung seiner Ideen mittels Modellen und konstruierten Organismen, wie man sie zuvor kaum je gesehen hat: von der Verkleinerung einer kristallinen, räumlich verspannten Decke aus farbigem Glas bis hin zur Kettenstruktur der Fraktal-Installation »H-Edge«.
In der Abteilung »Network« schließlich sind neben skulpturalen Raumobjekten Balmonds wichtigste Erfindungen und Realisationen präsent: die von Linienknoten hergeleiteten, ondulierenden Ebenen des zusammen mit UN Studio entwickelten Bahnhofs von Arnheim (1997–2008) oder die Bibliothek von Seattle und die Casa da Música in Porto, die er zusammen mit Koolhaas 2004 und 2005 verwirklichte. Im Mittelpunkt aber stehen das mit Toyo Ito konzipierte Opernhaus von Taichung auf Taiwan, mit dem erstmals »die Architektur des Computerzeitalters realisiert« werden soll, das ausgehend von welligen Texturen mit Shigeru Ban entwickelte Centre Pompidou in Metz (2004–2009), das zwischen Traumbild und Zukunftsvision oszilliert, die Modelle von Koolhaas‘ CCTV-Turm in Peking, dessen »fraktales Tragwerk« wohl ganz Balmonds Gehirn entsprungen ist, sowie der Masterplan für die Erweiterung der Battersea Power Station in London. Hier ist Balmond erstmals als Architekt und ausführender Ingenieur zugleich tätig. Außer den Masterplan entwarf er zusammen mit der von ihm bei Arup ins Leben gerufenen multidisziplinären Forschergruppe AGU unter anderem auch das von einer Kristall-Geometrie hergeleitete neue South Park Theatre. Diese Arbeiten deuten Balmonds Entschlossenheit an, vermehrt auch ohne den Dialog mit Architekten Bauten zu kreieren; Bauten, deren Formen und Räume konstruk- tive Dynamik spiegeln.
Bis 22. Oktober. Louisiana-Museum in Humlebæk bei Kopenhagen, täglich 10–17, mittwochs 10–22 Uhr. Ein Katalog ist in Vorbereitung. www.louisiana.dk