Cäsar Pinnau(Hamburg)

~Jürgen Tietz

Zu den stets aufs Neue überraschenden Erfahrungen gehört es, wie geschmeidig sich viele Akteure zwischen den politischen Systemen des 20. Jahrhunderts bewegt haben und wie lange es dauerte, bis diese erschreckenden Kontinuitäten – und ihre Konsequenzen – wissenschaftlich und emotional aufgearbeitet wurden. Das gilt für die willigen deutschen Juristen gleichermaßen wie für etliche Unternehmen und Unternehmer aber eben auch für Architekten wie den Hamburger Cäsar Pinnau (1906-88).
Nach der verdienstvollen Werkmonografie, die Ulrich Höhns im vergangenen Jahr basierend auf dem Nachlass von Cäsar Pinnau im Hamburgischen Architekturarchiv vorgelegt hat, folgt nun eine umfangreiche Ausstellung im Altonaer Museum, die Vanessa Hirsch und Kerstin Petermann kuratieren. Anhand von Dokumenten, Zeichnungen und Fotografien wird Pinnaus umfangreiches Werk vorgestellt und zugleich vorbildlich in den zeitlichen Kontext von der Weimarer Republik über das »Dritte Reich« bis zur Nachkriegsmoderne eingewoben und kritisch hinterfragt.
Besonders faszinierend ist dabei die faustische Janusköpfigkeit des gelernten Möbeltischlers Pinnau. Mit seinem umfangreichen Werk verstand er es, die Nachfrage der Eliten zu bedienen von der Herrschaftsarchitektur des »Dritten Reichs« über Bürohäuser der Nachkriegsmoderne bis zur Luxusyacht »Christina« für Aristoteles Onassis. Durch die Mitarbeit im Büro von Fritz August Breuhaus de Groot zu Beginn der 30er Jahre, war Pinnau mit Entwurf und Ausstattung luxuriöser Villen auf das Beste vertraut. 1937 machte sich Pinnau selbstständig, um im Stab von Albert Speer an Aufträge aus dem unmittelbaren Umfeld Adolf Hitlers zu gelangen. So oblag ihm der Umbau des Reichspräsidenten-Palais in Berlin sowie die Ausstattung einiger Räume in der Neuen Reichskanzlei Speers. Es folgt die Ausstattung der Japanischen Botschaft im Diplomatenviertel am Tiergarten und die Planungen für Hotels an der gewaltigen Nord-Süd-Achse, mit der Hitler und sein willfähriger Gefolgsmann Speer Berlin in »Germania« verwandeln wollten.
Geräuschlos nahm Pinnaus Karriere nach 1945 wieder Fahrt auf. Gekonnt spielte er dabei auf der Klaviatur der architektonischen Stile des 20. Jahrhunderts. Im Duktus des New Yorker Lever-Hauses schuf er ein Hochhaus für die Hamburg-Süd Rederei oder eine Lebensmittelfabrik für Doktor Oetker. Mit seinen Villen für die wohlhabende Hamburger Gesellschaft lebte er seine Leidenschaft für den Klassizismus aus (s. Abb.). So verwundert es auch nicht, dass er 1972 in dem Haus des dänischen Klassizisten Christian Frederik Hansens sein Atelier einrichtete und sich zwei Jahre vor seinem Tod selbst ein Haus im klassizistischen Duktus baute. Wer ein Gefühl für Pinnaus Meisterschaft und sein Drama zwischen Eleganz und Biederkeit erlangen will, sollte bei seinem Besuch in der empfehlenswerten Hamburger Ausstellung auf der »Cap San Diego« im Hafen übernachten, deren elegante Silhouette und Innenausstattung ebenfalls von Pinnau stammen.
Bis 26. März 2017. Cäsar Pinnau. Zum Werk eines umstrittenen Architekten. AltonaerMuseum, Museumstraße 23, 22765 Hamburg,Di-So 10-17 Uhr, www.altonaermuseum.de