Bunte Götter (hamburg)

~Lars Quadejacob

Und Semper hat doch recht! Als der noch junge Architekt Gottfried Semper 1834 in seinem Buch »Vorläufige Bemerkungen über bemalte Architektur und Plastik bei den Alten« behauptete, die antiken Kunstwerke seien ursprünglich allesamt farbig gefasst gewesen, machte ihn das schlagartig europaweit bekannt. Denn der »Polychomiestreit« erhitzte zu diesem Zeitpunkt schon gut zwanzig Jahre die Gemüter: Obwohl immer mehr Ausgrabungsfunde darauf hindeuteten, wollten viele eine bunte Antike nicht wahrhaben; widersprach sie doch allzu sehr dem Idealbild der viel zitierten Winckelmannschen »edlen Einfalt und stillen Größe«. Was bei Semper und seinen Mitstreitern wie dem französischen Archäologen Jakob Ignaz Hittorff noch auf wenigen augenscheinlich erhaltenen Farbresten und viel Spekulation beruhte, ist in den letzten Jahrzehnten (natur-)wissenschaftlich erhärtet worden: Die antike Architektur und Skulptur war farbig, ja geradezu bunt. Das hat man inzwischen hin und wieder gehört – es auch zu sehen, ist geradezu ein optischer Schock. Erfahren kann man dies zurzeit im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Unter dem Titel »Bunte Götter – Die farbenfrohe Welt der Alten Griechen« werden Dutzende von antiken Skulpturen im Original gezeigt und jeweils daneben Abgüsse, die nach den Ergebnissen langjähriger Forschungen des Münchner Archäologenehepaares
Ulrike und Vinzenz Brinkmann farbig gefasst wurden. Die Darstellung von Architektur muss sich naturgemäß auf Modelle und Abbildungen beschränken, im Katalog finden sich allerdings vertiefende Aufsätze hierzu. Doch vor dem Hintergrund des starken Eindrucks der farbigen Plastik reicht es aus, um auch für diesen Bereich ein faszinierendes Bild zu zeichnen. So sind für den spätarchaischen Aphaia-Tempel auf Ägina leuchtend blaue Giebelfelder und schwarze, bzw. an der Cella blaue Triglyphen nachgewiesen; die Taenien – jene schmalen horizontale Bänder, die unterhalb der Triglyphen den Architrav umlaufen – waren ockerrot gefasst. Gerade in Bezug auf die farbliche Behandlung des Gebälks lässt sich vermuten, dass neben einer heute befremdlich wirkenden Dekorationsfreude auch die Betonung konstruktiver Merkmale beabsichtigt war.
Das Hamburger Museum hat der bereits an anderen Orten gezeigten Ausstellung einen zusätzlichen Abschnitt über Semper hinzugefügt, in dem Kostbarkeiten wie vom Architekten handkolorierte Ausgaben seiner Bücher gezeigt werden; das Haus verfügt über einen Teil des Nachlasses. Semper als Pionier der Erforschung der antiken Polychromie erhält so an seinem Geburtsort Hamburg eine angemessene Würdigung innerhalb der neuesten Erkenntnisse zum Thema.
Bis 12. August. Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz 1, Di–So 10–18, Do 10–21, Katalog 24,90 Euro. www.mkg-hamburg.de