Ausstellung im Stadthaus Ulm über die Entstehung von Brasilia

Brasília (Ulm)

~Klaus F. Linscheid

So etwas nennt man eine Fügung des Schicksals. Neun Tage nach dem plötzlichen Tod von Oscar Niemeyer am 5.12.2012 (und zehn Tage vor seinem 105. Geburtstag) eröffnete im Stadthaus Ulm eine ungewöhnliche Ausstellung über Brasília. Die brasilianisch-koreanische Künstlerin Lina Kim (geboren in São Paulo) und der Fotograf Michael Wesely aus München zeichnen ein Bild der brasilianischen Hauptstadt, das so noch niemand gesehen hat. Seit 2003 haben sie über 100 000 Bilder vom Bau der Hauptstadt gesichtet, bewertet und einen Teil davon gescannt und restauriert. In einer Bilderstrecke sind davon nun 300 Fotos zu sehen, die die Entstehungsgeschichte wieder lebendig werden lassen. Der zweite Ansatz dieses ungewöhnlichen Projekts sind eigene Langzeitbelichtungen Michael Weselys, die den utopischen Charakter der Stadt unterstreichen.
Brasília, erdacht und realisiert von Brasiliens ehemaligem Präsidenten Juscelino Kubitschek, wurde in nur vier Jahren aus dem Boden gestampft. Auf einer Hochebene im Landesinneren, an der zuvor nichts war als Steppe und rote Erde. Bei der Einweihung am 21. April 1960 waren gerade mal 20 % der Bauten fertiggestellt. Der von dem brasilianischen Architekten und Stadtplaner Lúcio Costa entworfene Generalplan basiert auf einem Kreuz. Alle öffentlichen Gebäude entstammen der Feder von Oscar Niemeyer, der damals Chef des staatlichen Bauamts war. Brasília – eine Utopie? Inzwischen ist die Stadt ganz real auf über 2,5 Mio. Einwohner angewachsen und ist seit 1987 UNESCO Welterbe.
Utopisch, surrealistisch und aus einer anderen Welt. So wirken die großformatigen Fotografien Brasílias von Michael Wesely. 12 Stunden lang, von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang sind sie belichtet. Keine Menschen, keine Schatten, nur der Lauf der Sonne am Himmel künden von Bewegung. Die Bilder sind eine kuriose Symbiose von Film und Bild. Einerseits sind sie das Abbild eines ganz realen Tages, tatsächlich sehen kann man davon nur einen Bruchteil. Diese Bilder sind irreal schon deshalb, weil das Auge das, was es da sieht, in Wirklichkeit nie sehen könnte. Das an einem Tag Geschehene wird auf ein einziges Bild reduziert. Flüchtiges verschwindet, nur Beständiges bleibt. Alles dazwischen, beispielsweise Bäume, die sich im Wind bewegen, hinterlassen seltsam verwischte Spuren. Wesely hat diese Technik weiterentwickelt und setzt sie inzwischen sogar für über mehrere Jahre dauernde Belichtungszeiten ein. Seine Fotos von der Entstehung des Potsdamer Platzes in Berlin machten ihn international bekannt.
Die andere Seite Brasílias, nämlich seine vierjährige Baugeschichte, manifestiert sich im Stadthaus Ulm auf einer 33 m langen Zeitleiste. Von 2003 bis 2010 waren Lina Kim und Michael Wesely mehrmals in Brasilien unterwegs, durchstöberten unzählige Archive, hoben längst verschollen geglaubte fotografische Schätze und führten mit ihrer Forschungsarbeit vor allem den Brasilianern wieder vor Augen, welch unglaubliche historische Leistung damals, vor über fünfzig Jahren, in ihrem Land geschah. Zu sehen sind auf diesen Bildern die einst als provisorisch errichteten Arbeiterunterkünfte (viele von denen stehen noch heute), Impressionen der Baustelle und offizielle Motive der Eröffnungsfeier. Immer wieder wird erkennbar, wie unwirtlich die Umgebung damals war. Das Improvisationstalent der Bauarbeiter, ohne das dieses innovative Projekt niemals hätte umgesetzt werden können, spricht aus nahezu jedem Motiv.
Die Ausstellung wurde von der Kunsthalle zu Kiel übernommen. Die Projektleitung in Ulm hat Karla Nieraad, der es gelang, die futuristischen Gebäude Niemeyers im Ambiente von Richard Meier besonders zum Strahlen zu bringen.
Bis 7. April. Brasília, Stadthaus Ulm, Münsterplatz 50, 89073 Ulm. Mo-Sa 10-18, Do bis 20, So und Feiertage 11-18 Uhr. Der Katalog kostet 24 Euro. Ergänzend dazu sei aus aktuellem Anlass das Hörbuch »Skulpturen aus Beton: Der brasilianische Architekt Oscar Niemeyer« empfohlen. DOM publishers, 14 Euro. www.stadthaus.ulm.de