Berlins vergessene Mitte (Berlin)

~Matthias Grünzig

Eine identitätsstiftende Altstadt in der Mitte der Stadt, wie sie in Prag oder Wien zu finden ist, kann Berlin nicht vorweisen. Über die Ursachen dieser Situation wird seit Jahren diskutiert. Für den ehemaligen Senatsbaudirektor Hans Stimmann ist die Erklärung einfach: Sein 2009 veröffentlichtes Buch »Berliner Altstadt: Von der DDR-Staatsmitte zur Stadtmitte« machte vor allem die Stadtplanung der DDR-Zeit für die Zerstörung der Altstadt verantwortlich.
Die Ausstellung »Berlins vergessene Mitte« wirft nun einen differenzierteren Blick auf die Entwicklung des Altstadtbereichs rund um die Marienkirche. Unter Leitung des Berliner Bauhistorikers Benedikt Goebel wurden über 380 Fotos, Bilder, Pläne und Akten zusammengetragen, die ein detailliertes Bild von der Entwicklung der Stadtmitte von 1840 bis 2010 zeichnen. Und dieses Bild entspricht keineswegs den gängigen Klischees. Stattdessen wird sichtbar, dass die Altstadt bereits lange vor dem Krieg und der DDR-Zeit zerstört wurde. V. a. während der Kaiserzeit zwischen 1871 und 1914 wurde sie von einer heute kaum vorstellbaren Abrisswelle heimgesucht. Selbst wertvolle Gebäude, wie das Palais Wartenberg von Andreas Schlüter, das barocke Palais Grumbkow, das Köllnische Rathaus oder das Wohnhaus von Moses Mendelssohn wurden von Immobilienspekulanten im Interesse maximaler Renditen abgerissen. Ganze Straßenzüge, wie die Straße An der Königsmauer, die Schmale Gasse oder der Kleine Jüdenhof, mussten der Spekulation weichen. Verbunden mit den Abrissen war eine Vertreibung der Bewohner: Während 1871 noch rund 30 000 Einwohner in Alt-Berlin lebten, sank die Zahl bis 1914 auf rund 10 000.
Anstelle der Altstadt entstand eine Büro- und Geschäftscity mit banaler Investorenarchitektur, deren Architekten heute zu Recht vergessen sind. Folgerichtig geriet der Altstadtbereich schon während der Kaiserzeit ins Abseits. Hier herrschte weder die Eleganz des Kurfürstendamms noch das pulsierende Leben, wie es in der Friedrichstraße, in der Leipziger Straße oder am Potsdamer Platz zu finden war. Hier gab es keine luxuriösen Warenhäuser, wie etwa das Warenhaus Wertheim am Leipziger Platz oder das Kaufhaus des Westens am Wittenbergplatz, keine eleganten Kaffeehäuser, wie das Café Kranzler oder das Romanische Café, keine berühmten Varietés und Amüsierlokale. Und wenn die Berliner Altstadtflair erleben wollten, dann gingen sie nicht in den Altstadtbereich, sondern in den Treptower Park, wo 1896 eine Altstadtattrappe »Berlin um 1650« aufgebaut wurde.
Zwar entstanden einige Repräsentationsbauten, wie das Rote Rathaus, das Alte Stadthaus oder das Amtsgericht. Doch diese Gebäude bildeten keine überzeugenden städtebaulichen Ensembles. Das Rote Rathaus musste sich mit einem winzigen Vorplatz begnügen, der im Vergleich zum Rathausmarkt in Hamburg geradezu kläglich wirkte. Deshalb war es nur folgerichtig, dass die Berliner Verkehrsbetriebe 1936 entschieden, den U-Bahnhof Stadtmitte eben nicht im bedeutungslos gewordenen Altstadtbereich, sondern an der Kreuzung zwischen Friedrichstraße und Leipziger Straße einzurichten. Erst 1969, mit der Eröffnung des Fernsehturms, erhielt das Gebiet eine vergleichsweise qualitätvolle Gestaltung.
All diese Veränderungen werden in der Ausstellung v. a. mit Fotos sichtbar gemacht, die den brachialen Umgang mit Baudenkmälern auf bedrückende Weise veranschaulichen. Die Präsentation dieser Dokumente ist umso wichtiger, da es in Berlin noch immer eine starke konservative Fraktion gibt, die die Kaiserzeit zumindest städtebaulich wiederherstellen will. Wer diese Ausstellung besucht hat, wird sich mit derartigen Ideen kaum anfreunden können.
Bis 27. März 2011, Ephraim-Palais, Poststraße 16, 10178 Berlin, Di-So 10-18, Mi bis 20 Uhr, Katalog 29,90 Euro, www.stadtmuseum.de