berlin um 1800 (Berlin)

~Nikolaus Bernau

Als Friedrich der Große 1786 starb, war das Antlitz Berlins durchaus provinziell – geprägt von Fassaden, die noch dem Rokoko- und Zopfstil nachhingen. Als Napoleon 1806, nach seinem Sieg über die preußischen Armeen, Berlin besetzte, war die Stadt bereits verwandelt: Das 1791 eingeweihte Brandenburger Tor Carl Gotthard Langhans‘ bildete die Kulisse seines Triumphzuges und er konnte im königlichen Schloss ein Appartement beziehen, das seit 1786 von Carl von Gontard und Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff im elegantesten Frühklassizismus eingerichtet worden war. Viele Bürgerhäuser hatten nun Fassaden, die durch ihre ausbalancierten, eher kühlen Proportionen wirkten. Wissenschaftsbauten wie Langhans‘ Tierarzneischule mit ihrer eleganten Kuppelhalle oder die Münze am Werderschen Markt von Heinrich Gentz begeisterten mit »hart-rationalen« Formen, die man von utopischen Zeichnungen französischer Avantgardearchitekten wie Ledoux oder Boullée kannte.
Die Ausstellung »Berlin um 1800« in der Alten Nationalgalerie ruft jetzt diesen tiefen Umbruch der Stadtgestalt wieder einmal in Erinnerung, der wesentlich ausgelöst wurde von Friedrich Wilhelm II. und seiner zwar verschwenderischen, aber eben die Kultur fördernden Hofhaltung. 200 erlesene Architekturzeichnungen sind zu sehen, und plötzlich wird einem deutlich, warum Berlin einmal eine wegen ihrer Klarheit, Großzügigkeit und sauberen Eleganz international bewunderte Schönheit war.
Schon seit einigen Jahren wird die Zeit jener preußischen Reformen von 1786, auf die nach dem Zusammenbruch von 1806 Gneisenau, Hardenberg, Humboldt oder Schinkel bauen konnten, neu erforscht. Umso erstaunlicher, dass der Katalog und die Ausstellungstexte zu der längst überholten Ansicht zurückkehren, der Frühklassizismus sei ein Symbol von Demokratie und Bürgergesellschaft gewesen. Tatsächlich wird, wenn auch ungewollt, selbst in dieser Ausstellung deutlich: In Preußen ging die Reform von den Monarchen aus, von ihren Ansprüchen an eine erneuerte ästhetische und technische Kultur. Zu bedauern ist auch, dass jeder Blick über den Berliner Tellerrand fehlt. Einige Zeichnungen aus Paris, London, Wien und St. Petersburg, aus Kassel, Braunschweig, Karlsruhe, Kopenhagen oder Hamburg hätten dem Lokalpatriotismus sicher nicht geschadet. Dennoch eine Ausstellung, die man gesehen haben muss.
Bis 28. Mai. Alte Nationalgalerie, Bodestraße 1–3, täglich, außer Mo, 10–18, Do 10–22 Uhr. Katalog, gebunden, 24,80 Euro www.alte-nationalgalerie.de