Begleichung der Schuld (Berlin)

Nahezu vergessen ist heute die deutschsprachige Architektenszene in der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit. Okkupation, Holocaust und Vertreibung löschte sie völlig aus und trieb die Überlebenden zumeist in die angelsächsische Welt. Weder das spätere kommunistische Regime in Prag, noch die Interessenvertreter der Heimatvertriebenen nahmen sich ihrer an. In der Tschechoslowakei sollte alle Erinnerung an die große deutschsprachige Minderheit getilgt werden, während der Modernismus dieser sehr urbanen Architekten, die oft jüdischen Ursprungs waren, nicht in das Heimatbild der Vertriebenen passte. Eine Ausstellung der Prager Jaroslav-Fragner-Galerie in Berlin versucht sich nun an einer Aufarbeitung dieses Kapitels. Beeindruckende Bauten und erschütternde Lebensläufe zeigt ihr Kurator Zdenek Luckeš, der ehemalige Präsidentenberater und heutige Dekan der Architekturfakultät von Liberec. Bauten, die zwischen den recht unterschiedlichen Wegen der Moderne der Tschechen, Österreicher und Deutschen eine fruchtbare und facettenreiche Baukultur entdecken lassen. Von öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen konnten sie nur für private Bauherren arbeiten, deren unterschiedlichen Milieus sie Ausdruck verschafften. Zwischen Neobiedermeier und Neoklassizismus, Expressionismus und Art déco, Funktionalismus und Rationalismus finden sich so alle Tendenzen der Zeit. Gern würde man mehr erfahren, doch die Ausstellung und ihr Katalog können oft nur Fotos bieten. Nahezu alle Archive sind zerstört worden, die letzten Wettbewerbsdokumentationen 2002 ein Opfer der Elbeflut geworden, die nun tiefgefroren auf ihre Restaurierung warten. Claus Käpplinger

»Begleichung der Schuld. In Prag tätige deutschsprachige Architekten 1900 – 1938«. Bis 22. Oktober im Tschechischen Zentrum Berlin, Friedrichstraße 206, Mo 14 – 18 Uhr, Di – Fr 10 – 13, 13.30 – 18 Uhr, und in der Galerie im Saalbau, Karl-Marx-Straße 141, Mi – So 12 – 18 Uhr