Bauhaus: Art as Life (London)

~Bernhard Schulz

Als Walter Gropius am 18. Mai 1927 seinen 44. Geburtstag feierte, bekam er von den Bauhäuslern »44 Zärtlichkeiten in DIN« – einen von Herbert Bayer gestalteten »Prospekt«, auf dessen Papier die Lehrkräfte ihre Lippen ordentlich in Reih und Glied, die Studenten hingegen wild durcheinander gedrückt hatten. Im Bauhaus lagen Arbeit und Spiel dicht beieinander, und die Bauhäusler hatten allen Spaß daran, sich als lebensfrohe Gemeinschaft darzustellen. Zahllose Fotos zeugen davon, wie gerne sich »Meister« und Studenten z. B. auf dem Flachdach des Bauhaus-Gebäudes in Dessau zu fröhlichen Gruppenbildern sammelten. Und selbst wenn Paul Klee und Wassily Kandinsky gesittet beim Tee zusammensitzen, dann ist es doch ein Gartentisch vor ihrem gemeinsamen Meisterhaus, und Kandinsky lächelt breit in die Kamera.
Warum nicht diesen Aspekt der ostentativen Lebensfreude einmal herausstellen! Das jedenfalls ist ein Aspekt des Ausstellungskonzepts, das Catherine Ince und Lydia Yee für die Barbican Art Gallery in London mit 400 Leihgaben vorwiegend aus den drei deutschen Bauhaus-Sammlungen erarbeitet haben. Ein anderer ist die Würdigung der Frauen am Bauhaus, die immerhin ein Drittel der Studierenden ausmachten, allerdings im Lehrkörper vorwiegend auf die Weberei abgeschoben wurden. Und generell machen die beiden Kuratorinnen das Bauhaus persönlich, zeigen zahlreiche Porträtfotos, lassen den Alltag greifbar werden, der zumindest in den wenigen glücklichen Jahren in Dessau als fortwährendes Fest erscheint. »Art as Life« ist die Ausstellung überschrieben, und das kleine Wörtchen »as« macht hier den Unterschied. Nicht Kunst und Leben, sondern Kunst als Leben. Als Lebensform, und umgekehrt Leben als Kunstform. Damit trifft die Ausstellung einen Nerv, so sehr, dass die im Allgemeinen scharfzüngige englische Kritik geradezu Lobeshymnen singt und feststellt: »Bauhaus knew how to party«. Darüber wird indes die ungemein produktive Arbeit nicht übersehen, die in den Werkstätten immer neue Modellentwürfe hervorbrachte, in Weimar in gut kunsthandwerklicher Tradition und in Dessau dann als Produktdesign.
Einen gewichtigen Anteil an der Sinnlichkeit der Ausstellung, an der Freude am Objekt haben die Architekten von Carmody Groarke; während die klare Orientierung von den Grafikdesignern der Agentur A Practice For Everyday Life (APFEL) besorgt wurde (beide London). Es ist gewiss nicht einfach, in die tageslichtlosen, auf zwei Ebenen angeordneten und durch mehrere »Licht«-Höfe miteinander verbundenen Räume der Kunstgalerie im Bauch des Kulturzentrums Barbican eine Ausstellung hineinzukomponieren, die ungeachtet ihres Überflusses und ihrer vielfältigen Wechselbezüge doch einer chronologischen Ordnung und damit einer klaren Wegführung folgt, der Chronologie nämlich, die das Bauhaus in seinen 14 Jahren durchmessen hat und die seine einzelnen Etappen deutlich voneinander absetzt. Was zu kurz kommt, ist: die Architektur. Aber das war schon am Bauhaus so, wo erst mit Hannes Meyer ab 1927 ein geordneter Architekturkurs eingerichtet wurde, ehe Meyer im Jahr darauf die Leitung des Hauses von dem von den politischen Konflikten genervten Gropius übernahm. »Volksbedarf statt Luxusbedarf« war Meyers Devise, doch von den politischen Zerwürfnissen, die das Bauhaus bis zum Äußersten strapazierten, erfährt man in der Ausstellung nahezu nichts, und auch der Katalog, dessen Schriftbild seltsam matt und brüchig daherkommt, streift die Differenzen zwischen den Bauhaus-Direktoren nur ganz am Ende der zahlreichen Beiträge.
Aber warum alte Wunden aufreißen! England hat seit über 40 Jahren keine Bauhaus-Ausstellung gesehen, und hier lernen die Besucher des Olympischen Sommers eine Lehranstalt kennen, die so ganz undeutsch heiter ist, optimistisch, weltzugewandt. Und die Dinge geschaffen hat, ohne die unser heutiges Leben nicht so aussähe, wie es geworden ist. Das Bauhaus hat einen veritablen Lifestyle geprägt, und gewiss nicht den schlechtesten.
Bis 12. August. Barbican Centre, Silk Street, City of London EC2Y 8DS, Mo-Sa 9-23, So 12-23 Uhr, www.barbican.org.uk