Balkanology (Basel)

~Jochen Eisenbrand

In den neunziger Jahren war das einstige Jugoslawien aufgrund der politischen Umwälzungen regelmäßig in den Nachrichten. Heute hingegen hört man von den aktuellen Entwicklungen und Wiederaufbaubemühungen wenig – und auch im westeuropäischen Architekturdiskurs ist das gesamte Südosteuropa weitgehend unbekanntes Terrain. Die Ausstellung Balkanology im Schweizerischen Architekturmuseum tritt nun an, diese Wissenslücke zu schließen. Wenngleich der Balkan noch weitere Länder umfasst, liegt der Focus hier auf Architektur und Stadtentwicklung in den jugoslawischen Nachfolgestaaten sowie in Albanien. Dennoch wählte der Berliner Stadtforscher und Kurator der Ausstellung Kai Vöckler den Titel bewusst, um auf die mit jener Region verbundenen, überkommenen Klischeevorstellungen hinzuweisen, die die Ausstellung hinterfragen möchte.
Die anspruchsvolle, sehenswerte, wenngleich etwas textlastige Schau, die von Revolver Creative Services in Szene gesetzt wurde, gliedert sich in drei Abschnitte. Der erste und größte Teil präsentiert, jeweils mit ein bis zwei Fotos und Plänen, etwa vierzig von Architekten geplante historische und aktuelle Bauten. Die Auswahl wurde von zwei Co-Kuratoren getroffen: Maroje Mrduljaš, Herausgeber der kroatischen Architekturzeitschrift Oris, und Vladimir Kulic, der über die Architekturhistorie des ehemaligen Jugoslawiens promoviert. Hier ist so manche Entdeckung zu machen: Etwa die vom Büro Studio 71 geplante Oper von Skopje (1981), Zlatiko Ugljens weiße Moschee von Sherefudin (1980) in Visoko oder, unter den aktuellen Beispielen, das Museum für zeitgenössische Kunst in Zagreb (s. Abb.) von Igor Franic, das 2009 fertiggestellt werden soll. Wie die Auswahl belegt, blieben im ehemaligen Jugoslawien viele der modernistischen Bauten und groß angelegten Stadtplanungen infolge politischer Umbrüche unvollendet. Damit bieten sie Architekten und Städteplanern heute neue Anknüpfungspunkte. Der zweite Ausstellungsteil widmet sich dem Bauen ohne Architekten und stellt die Ergebnisse aktueller Stadtforschungsstudien vor. In dem zum Teil wilden und ohne öffentliche Regulierung wuchernden Bauboom in Städten wie Zagreb, Belgrad und Prishtina ist es den Forschern gelungen, Muster der Stadtentwicklung zu erkennen, zu beschreiben und die wesentlichen Triebkräfte und Akteure zu benennen. Erkenntnisse, die wiederum als Grundlage der Arbeit von einem guten Dutzend NGOs dienen, die versuchen, positiv auf die Stadtentwicklung im ehemaligen Jugoslawien und in Albanien einzuwirken. Einige dieser Initiativen werden im dritten Ausstellungsabschnitt vorgestellt. Dazu zählt auch die von Vöckler mitbegründete Archis Interventions, die zurzeit in Prishtina aktiv ist, um dort gemeinsam mit staatlichen Einrichtungen und privaten Initiativen Vorschläge zur Wiederbelebung des öffentlichen Raums zu entwickeln. Nach einer zweiten Präsentation im Architekturzentrum Wien im kommenden Jahr soll die Ausstellung, laut Vöckler, dann sinnvollerweise auch in den »Balkan« wandern und für weitere Stationen laufend erweitert werden. Ein Anfang ist also gemacht.
Begleitend zur Ausstellung Balkanology erscheint im Christoph Merian Verlag die gleichnamige, lesenswerte 6. Ausgabe der Publika- tionsreihe S AM.
Bis 28. Dezember. Schweizerisches Architekturmuseum, Steinenberg 7, Di, Mi, Fr 11–18 , Do bis 20.30, Sa+So bis 17 U hr. www.sam-basel.org