Architekturzeichnungen 1920-1990 (Berlin)

~Oliver G. Hamm

Keine andere Stadt hat im 20. Jahrhundert eine solche Vielzahl von städtebaulichen und architektonischen Umbrüchen erlebt wie Berlin. Historische Ereignisse – zwei Weltkriege, Wirtschaftskrisen, politische Systemwechsel, der Bau und der Fall der Mauer – und ihre auch stadträumlich fassbaren Folgen boten Architekten und Stadtplanern immer wieder Anlässe, neu über die Stadt und ihre zeitgemäße bauliche Erscheinung nachzudenken und Visionen vom jeweils »Neuen Berlin« zu entwickeln. Eine Ausstellung in der Tchoban Foundation in Berlin erinnert nun mit 33 Zeichnungen aus sieben Jahrzehnten an einige der für Berlin, aber auch für den weltweiten Architekturdiskurs besonders prägende Epochen: vom Neuen Bauen in der Weimarer Republik – hier nur in seiner expressionistischen Variante – über den Nationalsozialismus und verschiedene Phasen des geteilten Berlin (ohne ein einziges Beispiel aus dem Ostteil der Stadt!) bis zu Visionen unmittelbar nach der Wiedervereinigung. Die kleine, aber sehenswerte Ausstellung schöpft aus dem fast 3 500 Einzelblätter bzw. Konvolute mit Berlin-Bezug umfassenden Sammlungsbestand des Deutschen Architekturmuseums (DAM). Sie erhebt keinen Anspruch auf eine Dokumentation des Architekturgeschehens in der Hauptstadt (zumal sie überwiegend nicht realisierte Projekte zeigt), sondern will die Vielfalt der baukünstlerischen Ansätze und der zeichnerischen Ausdrucksweisen anhand einiger besonders exquisiter Beispiele belegen.
Vier Bleistiftskizzen von Hans Scharoun (Wettbewerbsentwurf für ein Hochhaus am Bahnhof Friedrichstraße, 1922) und drei farbige Arbeiten von Hans Poelzig (darunter eine Pastellzeichnung des Messegeländes von 1928/29, die den Eindruck erweckt, Max Bergs Breslauer Jahrhunderthalle sei an einen venezianischen Kanal versetzt worden) eröffnen den Reigen. Zwei großformatige Kohlezeichnungen von R. Rettig (1930) zeigen das gleichfalls nicht realisierte Atlantik-Kino – hier lässt Erich Mendelsohn als Inspirator grüßen! Zwei Tuschezeichnungen von Hans Bernhard Reichow (Wettbewerbsentwurf für eine Universität in Berlin, 1937) belegen, dass die Nationalsozialisten durchaus auch auf einen anderen, modernen Architekturstil hätten setzen können. Die Interbau 1957 wird ganz ausgeblendet, der Wettbewerb »Hauptstadt Berlin« (1957/58) ist immerhin mit einer Tuschezeichnung von Peter und Alison Smithson vertreten. Ein farbiges Blatt von Oswald Mathias Ungers zeigt ein postmodernes Kulturforum (1965) – Papierarchitektur ebenso wie Frei Ottos »Entwurf für einen Ausstellungspavillon im Tiergarten« (1968) im Stile seiner berühmten Dachschöpfungen für die Expo Montreal 1967 und die Olympiabauten in München (1972). Fast schon autonome Kunstwerke sind Zaha Hadids Wettbewerbsentwurf für ein Bürohaus am Kurfürstendamm (Spritztechnik auf Karton, 1986) und Christos »Wrapped Reichstag« (1977). Beim Themenschwerpunkt Reichstag tritt Gottfried Böhm mit zwei expressiven Kuppel-Kohlezeichnungen aus dem Wettbewerb von 1992 noch einmal gegen Lord Norman Foster mit seinem Entwurf eines grazilen Baldachins (gezeichnet von Helmut Jacoby) an. Den Abschluss der Ausstellung bilden drei Arbeiten – von Bernard Tschumi, Mario Bellini und Manuel de Solà-Morales – aus der vom DAM und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 1990/91 initiierten Ausstellung »Berlin morgen«, die übergreifende »Ideen für das Herz einer Großstadt« liefern sollte. Sie blieb weitgehend folgenlos, weil Berlin im Zentrum auf die »Nummer sicher« einer zumeist unkritischen Rekonstruktion setzte.
Bis 25. Juni. Berliner Projekte. Architekturzeichnungen 1920-1990. Tchoban Foundation. Museum für Architekturzeichnung, Christinenstraße 18a, 10119 Berlin, Mo-Fr 14-19, Sa+So 13-17 Uhr, Publikation: 20 Euro, www.tchoban-foundation.de