Architektur der Wunderkinder (München)

Aus heutiger Sicht könnte man leicht dem Glauben verfallen, die Architektur der Fünfziger Jahre hätte nie aus etwas anderem bestanden als dem »Nierentischstil«, welcher nicht zuletzt wegen seiner heiteren Leichtigkeit und Eleganz gerne als Dokument für den demokratischen Neubeginn Deutschlands verstanden wird. Hinter diesem verklärenden Schleier bleiben allerdings nicht nur jene noch immer leichtfertig der Abrissbirne preisgegebene, streng kubische Bauten mit ihren rigiden Rasterfassaden unbeachtet. Ein wenig in Vergessenheit geraten ist auch die Tatsache, dass es in der Nachkriegszeit vielerorts zunächst vorrangig um den originalgetreuen Wiederaufbau zerstörter Gebäude ging – womit beispielsweise die »historische« Altstadt von Rothenburg ob der Tauber nichts anderes ist, als ein Produkt der fünfziger Jahre, während so mancher Architekt an anderer Stelle ganz ungeniert an die Architektur der NS-Zeit anknüpfte. Gerade auch diesem »Aufbruch nach Rückwärts« widmet sich das Münchener Architekturmuseum in einer imposanten Ausstellung mit 200 Bauten aus der Zeit der weitaus bekannteren, programmatischen Moderne eines Sep Ruf oder Hans Maurer. Das Ergebnis intensiver Archivrecherchen am Fallbeispiel Bayern führt zur Präsentation von über 500 wunderbaren, zeitgenössischen Architekturfotografien, Originalplänen und Alltagsgegenständen und nicht zuletzt zu einem sehr empfehlenswerten Katalog. Ohne dessen umfangreicher und fundierter Hintergrundinformation kommt man in der liebevoll gestalteten Ausstellung – bei allem didaktischem Anspruch – nämlich ein wenig ins Schwimmen. Roland Pawlitschko

Bis 30. April im Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, 80333 München, Di – So 10 – 17 Uhr, Do – Fr 10 – 20 Uhr, www.architekturmuseum.de, Katalog im Museum 39 Euro