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All about Italy! (Moskau)

~Falk Jaeger

Das jüngste Museum in Berlin, das Museum für Architekturzeichnung der Tchoban Foundation, hat ein furioses erstes Jahr hinter sich. Nicht nur Sergei Tchobans Architektur des vergleichsweise kleinen Gebäudes im Berliner Kunstszeneviertel Pfefferberg ist inzwischen vielfach international publiziert worden, auch die Ausstellungsaktivitäten lassen aufmerken. Stand die Eröffnungsschau mit dem Spätwerk des Aquarellzyklus aus Paestum im Zeichen des Altmeisters Piranesi und präsentierte die folgende Ausstellung in nie gesehener Vielfalt und Systematik den Disput der revolutionär-avantgardistischen und der traditionalistischen Tendenzen der russischen Architektur des 20. Jahrhunderts, so sind gegenwärtig Neuerwerbungen der Stiftung aus jüngster Zeit zu sehen.
Die Politik der Stiftung ist jedoch seit Jahren darauf ausgelegt, durch Kooperationen Verbindungen zu international bedeutenden Sammlungen aufzubauen, um Gastausstellungen auszutauschen. So war die Stiftung u. a. im Londoner Soane Museum, in der Académie des Beaux-Arts in Paris und in der Eremitage in St. Petersburg vertreten.
Jüngste Aktivität ist die Gemeinschaftsausstellung »All about Italy!« in der renommierten Tretjakow-Galerie in Moskau, die etwa zu gleichen Teilen mit Blättern aus der Tchoban Foundation und der Galerie bestückt ist.
In der russischen Baukunst spielt Italien eine entscheidende Rolle, sowohl als Sehnsuchtsort, Motiv- und Ideengeber als auch als Herkunftsort zahlreicher Baukünstler, die in St. Petersburg und andernorts in Russland tätig waren und den Barock und den Klassizismus dort geprägt haben.
Themen der Ausstellung sind zunächst der Italienkult und die Antikenrezeption der Architekten und der Kulturreisenden ab dem 18. Jahrhundert. Die Schau wartet mit akribischen Veduten auf, mit schwelgerischen Darstellungen und romantisch verklärenden Bildwerken von Piranesi und Challe, Panini, Gonzaga, Toselli und anderen. Eine zweite Abteilung mit Blättern aus dem 19. Jahrhundert zeigt die Italienrezeption russischer Architekten und Künstler, aber auch die Arbeiten der Italiener in Russland. Schließlich geht es um das Italienbild im 20. Jahrhundert, nicht zuletzt der russischen Neoklassizisten bis in die Stalinzeit.
Dass Italien auch heute seine Faszination für jene Architekten nicht verloren hat, die des Zeichnens noch mächtig sind, zeigen vier zeitgenössische Künstler: Maxim Atajanz, Michael Filippow, Sergei Kuznetsov und Sergei Tchoban selbst, der ohnehin zu den besten Architekturzeichnern der Gegenwart zählt. Man kann hier dem Faszinosum der künstlerischen Präsenz von Sehnsuchtsorten der abendländischen Kultur erliegen, man kann sich versetzen lassen in die Italienpassion, wie sie Goethe und Schinkel empfunden haben, und man kann – ganz pragmatisch – die staunenswerten Darstellungstechniken der alten und der zeitgenössischen Meister studieren.
Bis 27. Juli. All about Italy! Architectural Graphics of the XVIII-XXI Centuries. Tretjakow-Galerie, 12 Lavrushinsky pereulok, 119017 Moskau, Di-So 10-21, Do+Fr bis 18 Uhr, www.tretyakovgallery.ru/en