Alberto Giacometti (Hamburg)

~Hartmut Möller

Alberto Giacometti ist sicher einer der bekanntesten Bildhauer des 20. Jahrhunderts. Vor drei Jahren schlug die Versteigerung seines »Schreitenden Mannes« (insgesamt gibt es sechs Abgüsse) für knapp 75 Mio. Euro hohe Wellen. Sowohl die Hamburger Kunsthalle als auch das Bucerius Kunst Forum widmen ihm in der Hansestadt nun eine sehenswerte Ausstellung – mit bisher selten gezeigten Schaustücken.
In der Eingangshalle der Galerie der Gegenwart verweist eine Mini-Installation drei kleiner Figuren auf das Kommende. Die Kuratorin Annabelle Görgen-Lammers untersucht im 1. OG Giacomettis surrealistisches Frühwerk und dessen Einfluss auf seine späteren Arbeiten. Die einführenden abstrakten Plastiken wirken wenig vertraut, sodass sich einige Besucher beim Personal vergewissern, ob sie hier richtig sind. Anschließende Spielbrett-Skulpturen tragen aber schon deutlicher die Handschrift des Künstlers. Eine konzeptionelle Skizze gibt durch hinzugefügte Menschen den Größenmaßstab an. Die gespannte Haltung der Protagonisten signalisiert die gewünschte körperliche Auseinandersetzung des sonst passiven Betrachters, der in die Skulptur (aus Realraum und Realzeit) mit einbezogen wird. Im Rundgang folgen Entwürfe zu Platzgestaltungen, gemalte Stadtansichten sowie Fotos und Zeichnungen des Atelierraums. Der weitere Teil konzentriert sich auf die berühmte Kombination von »Großer Kopf«, »Große Stehende« und »Schreitender Mann«, wie sie für die Plaza der Chase Manhattan Bank vorgesehen war, jedoch nie zur Ausführung kam (s. Abb.). Giacometti, der das Spiel mit dem Zufall durch stets wandelnden Menschen auf Plätzen liebte, verwarf deren Anordnung im Modell wieder und wieder. Der Besucher tritt als Höhepunkt nach einem dunkel gehaltenen Parcours in den natürlich belichteten letzten Raum. Vor ihm befindet sich in Lebensgröße die imposante Dreierkonstellation, die als schauendes Bewusstsein, Kultbild und strebendes Leben interpretiert wird.
Im fußläufig entfernten Bucerius Kunst Forum fokussieren die Kuratoren Michael Peppiatt und Eva Hausdorf auf zwei Etagen Giacomettis Porträtkunst. Die Familie war dabei oft das Motiv seiner Wahl. Vater, Mutter, seine Brüder Diego und Bruno, die Schwester Ottilia sowie Ehefrau Annette zieren etliche Zeichnungen, Ölgemälde oder wurden als Bildnisse in Bronze gegossen. Ganz nebenbei entkräftet die frei zu erkundende Schau das Vorurteil des grantelnden Eigenbrödlers. Offensichtlich war der gebürtige Schweizer hervorragend in die Pariser Bohème der Nachkriegszeit integriert. Berühmte Gesichter des Existentialismus wie Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir sowie Samuel Beckett und Louis Aragon zählten zu Giacomettis Freundeskreis. Unweit seines Ateliers fertigte er in den Cafés von Montparnasse zahlreiche Skizzen von ihnen an – nicht selten auf Zeitungsseiten, Telegrammen oder was eben gerade zur Hand war. Auch hier offenbart sich der ewig suchende Künstler, der darauf aus ist, den Blick des Gegenübers als eine Kraft darzustellen, die den späteren Betrachter aktiviert und gefangen nimmt.
Für beide sich vorzüglich ergänzende Orte sollte man gut einen halben Tag einplanen; die jeweils erschienenen Kataloge eignen sich als Lektüre dann für die zweite Tageshälfte.
Bis 19. Mai. Giacometti. Die Spielfelder, Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall 1, 20095 Hamburg, Di-So 10-18, Do bis 21 Uhr, www.hamburger-kunsthalle.de. Bucerius Kunst Forum, Rathausmarkt 2, tägl. 11-19 Uhr, Do bis 21 Uhr, www.hamburger-kunsthalle.de