Ai Weiwei – Evidence (Berlin)

~ Hartmut Möller

Gefühlt gab es in jüngster Zeit keine größere Gruppenausstellung zur zeitgenössischen Kunst, die Ai Weiwei nicht im Portfolio gehabt hätte. Von der Presse gar als »Lieblings-Chinese« der Deutschen gefeiert, ist er in den Medien scheinbar omnipräsent. Zum einen ist der Künstler äußerst produktiv, zum anderen führt er seit seiner Verhaftung 2011 ein quasi öffentliches Leben, indem er jeden seiner Schritte über Instagram dokumentiert. Im Martin-Gropius-Bau wird nun seine bislang größte Ausstellung gezeigt, die er zusammen mit Direktor Gereon Sievernich anhand von Fotos und Plänen des Baus kuratierte. Ein persönlicher Abstecher blieb dem Dissidenten – der in der Hauptstadt einen Lehrstuhl an der Universität der Künste innehat und ein Atelier am Pfefferberg betreibt – jedoch bislang verwehrt, seine Regierung hat ihm den Pass abgenommen. Aus westlicher Sicht wirkt die Situation wie der Kampf Davids gegen Goliath und so wird das Museum zur politischen Bühne, wobei der namensgebende Titel zum Programm eines Anklägers wird.
Im Vestibül hängen 150 übereinander gestapelte Zweiräder. Die Skulptur ist einem vermeintlichen Fahrraddieb gewidmet, der 2008 im Prozessverlauf wegen eines angeblichen Polizistenmords zum Tode verurteilt wurde. Wer seine Blicke aufmerksam kreisen lässt, wird der marmornen Kameras gewahr, die auf ankommende Besucher gerichtet sind. 6 000 zu einem Patchwork gefügte Hocker bilden im zentralen Lichthof ein buntes, raumfüllendes Mosaik. Ihre einfache, solide Gestaltung verweist auf die über Jahrhunderte bewährte Konstruktion. In den 18 umliegenden Kabinetten setzt sich das »Prinzip Ai Weiwei« fort. Die topografisch terrassierte Marmorskulptur »Diaoyu Islands« symbolisiert den Territorialstreit Chinas und Japans um den kleinen Archipel. Mit Autolack überzogene Vasen aus der Han-Dynastie prangern den heutigen Konsumgeist an, in Marmor nachgebildete antike Holztüren symbolisieren die Zerstörung historischer Gebäude für neue Bauprojekte. In verschiedenen Objekten spiegelt sich das Sichuan-Erdbeben wider; schlechte Bauqualität und mangelnde Transparenz im Umgang der Regierung mit den Opfern werden darin kritisiert. Mit einem 1:1-Nachbau seiner Gefängniszelle, Handschellen aus Jade und nachgebildeten Kleiderbügeln verarbeitet der Kreative seine 81 Tage währende Isolationshaft an einem geheimen Stützpunkt; Beton- und Steinreste in einem Holzrahmen erinnern an sein von der Staatsmacht abgerissenes Studio. Wegen der schriftlichen Erläuterungen, die allesamt von Ai Weiwei selbst stammen, bleibt leider wenig Interpretationsspielraum. Ältere Werke, wie die Perspektivstudien des ausgestreckten Mittelfingers vor berühmten Motiven, oder frühe Readymades (Einmannschuh, Junggesellenkoffer), sind angesichts der geballten Regimekritik eine willkommene Abwechslung. Etliche Installationen entfalten denn auch ohne politische Botschaft eine überaus ästhetische Wirkung.
Bis 7. Juli. Ai Weiwei – Evidence. Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin, tägl. 10-20 Uhr, www.gropiusbau.de