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Umbau und Erweiterung eines Weinguts in Fellbach
Zeitlos im Hintergrund

Noch immer bedeutet Stadtsanierung meist die Entkernung bebauter Innenhöfe und die Auslagerung von Betrieben. In Fellbach gelang es hingegen, das bestehende Hofgebäude eines Weinguts umzubauen und sogar zu erweitern – und über eine zurückhaltende, klare Gestaltung der Zwischenräume den heterogenen Bestand gekonnt zusammenzuführen.

    • Architektin: Christine Remensperger Tragwerksplanung: Seibold

  • Kritik: Christoph Gunßer Fotos: Antje Quiriam, Christine Remensperger
»Stadt der Weine und Kongresse« nennt sich das im Nordosten von Stuttgart gelegene Fellbach. Darum zeigte sich die Stadtverwaltung auch entgegenkommend, als der junge Winzer Markus Heid im Zuge der Altstadtsanierung mehr Platz für seinen Betrieb schaffen wollte. Das Weingut Heid besteht hier immerhin schon in der zehnten Generation.
Der ziemlich brutale Abriss von drei Vierteln des Baublocks hinter dem neuen Rathaus bot dem Betrieb die Gelegenheit, im über die Jahre entstandenen Nebeneinander von Alt und Neu aufzuräumen: Zur Straße hin steht das alte Fachwerkhaus, im Hof das Wohnhaus, das die Eltern des heutigen Inhabers in den 80er Jahren in zweiter Reihe errichtet hatten. Dessen arg behäbige Architektur eines schwäbischen »Siedlungshauses« war hier in der Altstadt eigentlich völlig fehl am Platz. Durch Aushöhlen, Unterbauen und Einfassen dieses Klotzes gelang es der Architektin Christine Remensperger, die zusätzlich benötigte Fläche zu gewinnen – und eine Qualität zu schaffen, die schwäbischen Baugebieten sonst völlig abgeht: Raum. Gefasster Außenraum. Aufenthaltsraum. Mehrzweckraum. Übergangsraum zwischen Drinnen und Draußen. Das ist, neben den praktischen Vorteilen der ordentlicheren und geräumigeren Betriebsräume in EG und UG, der Hauptgewinn des Umbaus. Für diesen ließ sich die Baustelle im engen Hinterhof nur einrichten, bevor die neue, dichte und leider arg banale Randbebauung (auf der Grundlage eines Architekturwettbewerbs!) hochgezogen wurde. ›
Vorsprung durch Gestaltung
Wollen die kleinen selbstständigen Winzer am Markt bestehen, müssen sie auf Qualitäten setzen wie den unverwechselbaren Raum: nicht nur für die Produktion, auch für Präsentation, Verköstigung, Verkauf. Der gehobene Weinbau jenseits des Massenmarkts lebt heute von der Inszenierung, der Aura der Herstellung. »Architektur und Wein« ist Thema von Büchern und Journalen, die zeigen, wie sich das immer noch eher heimattümelnde Image der Branche erfolgreich abstreifen lässt.
Selbstvermarkter wie Markus Heid haben das längst erkannt. Schon vor zehn Jahren ließ er von Remensperger im historischen Haus die Waschküche zu einer Probierstube und den jahrhundertealten Weinkeller darunter zu einem Saal umbauen, in dem regelmäßig Veranstaltungen stattfinden. Das Echo auf die zurückhaltend-edle Gestaltung war groß (wenn auch manche alten Kunden zunächst »wie in einer Kirche« herumstanden, wie die Architektin erzählt), die überregionale Wahrnehmung der Heidschen Erzeugnisse wuchs. Rund 60 000 l Wein produziert das Gut heute jährlich, 10 ha Weinberge am nahen Kappelberg werden seit Kurzem mühsam ökologisch bewirtschaftet.
Reduktion auf einfache Mittel
Nun also der Außenraum: Der Hof, zu dem sich die Probierstube hin öffnet, die intime Mitte am Rand der städtebaulichen Tabula rasa, präsentiert sich jetzt nicht mehr »kruschtig« disparat, sondern aus einem Guss. Wie schon in der Probierstube sind seine Wände flächig in Eichenholz gestaltet – eine Anspielung auf das Material der Weinfässer und zugleich das im Außenbereich dauerhafteste heimische Holz. Hinter der einheitlichen Lattentextur verschwinden Alt und Neu, Türen und Tore. Eine hölzerne Pergola überdeckt einen neu hinzugewonnenen seitlichen Hof auf der Nordseite des kleinen Platzes, der zum Keltern und auch für die typisch schwäbische Hocketse genutzt wird (nur nennt man das heute »Weinerlebnistage«).
Die vorhandenen Hofwände zu dieser homogenen Hülle umzugestalten, war Maßarbeit. Vom Wohnhaus mussten Betonvorsprünge abgetrennt, neue umlaufende Betonbalken angesetzt werden. Auch waren, um weitere Öffnungen zu ermöglichen, Teile des massiven Wohnhauses neu in Stahlbeton zu unterfangen. Eine Rinne im Boden fasst jetzt vorhandene Kellerluken und Abläufe zusammen. ›
› Hinter Holzlatten verschwand auch der für die 80er Jahre typische, 45-Grad-abgeschrägte Winkel am Hauszugang. Dessen nun stählerne Laibung leitet zu den kühl-grauen Inneneinbauten über. Als wiederkehrendes Motiv finden sich innen wie außen kreisrunde Deckenleuchten, die wie die meisten technischen Installationen in die Betonoberflächen eingelassen wurden.
Ein gleichfalls holzbekleideter Sockel umzieht auch den Anbau an Nord- und Westfassade des elterlichen Hauses. Er lässt die Erweiterung, die zum Hof hin ebenerdig für Fahrzeuge zugänglich und auf der Westseite zur Hälfte eingegraben ist, wie eine hölzerne Umzäunung aussehen. Allerdings verbirgt sich dahinter in Wirklichkeit eine solide Tragkonstruktion aus Stahlbeton. Für die anspruchsvolle Nutzung war diese schwere Bauweise notwendig: Über dem neuen Tanklager im UG liegen im EG Flaschenlager und Versand, untereinander verbunden durch einen neuen Lastenaufzug – früher zog man hier Körbe an Haken herauf und herunter. Diese neu angefügten Räume sind, wie bei der Weinverarbeitung üblich, nicht beheizt, so dass Außenwände wie auch die großen Tore ungedämmt blieben.
Dank des durch die Sanierung möglichen Zukaufs eines 5 m breiten Streifens im Norden und die genehmigte Grenzbebauung wurden großzügige Räume möglich – die TG der neuen Blockrandbebauung schließt unmittelbar an. Ein Durchfahrtsrecht beim Nachbargrundstück erlaubte eine zusätzliche Tordurchfahrt von Norden, so dass während der hektischen vier Wochen des Kelterns im Herbst kein Stau entsteht.
AuSSen warm, innen kühl
Im Gegensatz zum warmen, langsam vergrauenden Holz der Außenhaut ist das Innere der »neuen« Neubauteile in rohem Sichtbeton belassen, der Boden besteht aus einem zementbasierten Industrieestrich. Der »alte Neubau« (das Elternhaus) bekam in EG und UG einen ähnlich betongrauen Putz, außen wurde das Haus ebenfalls grau getüncht, »damit es mehr in den Hintergrund tritt«, so die Architektin. Ein Rest Garten und ein kleiner, mehr als Abstellfläche genutzter Hof im Hof wenden sich auf der West- und Südseite des Elternhauses gegen die wuchtige neue Randbebauung – wahrlich keine erfreuliche Nachbarschaft. Der holzbekleidete Sockel (zum Garten bestehen die Latten übrigens aus preiswerterem Lärchenholz) ist hier nur etwa mannshoch, so dass darüber Platz für eine Terrasse mit etwas mehr Licht und Luft als zuvor im arg eingezwängten Garten blieb . Dass überdies die Wohnungen im historischen Vorderhaus respektvoll rückgebaut und renoviert wurden, sei nur am Rande erwähnt. Die Strategie des Aushöhlens und Einfassens hat im Labyrinth von Alt und Neu einen besonderen, dem Zweck entsprechenden Ort geschaffen, der gerade im Kontrast zur nichtssagenden Randbebauung wie eine zeitlose Enklave anmutet. In ihr behauptet sich das Typische des Weinorts mit einfachen Mitteln. •
  • Standort: Cannstatter Straße 13/2, 70734 Fellbach Bauherr: Weingut Heid, Markus Heid Architektin: Prof. Christine Remensperger, Stuttgart Mitarbeit: Torsten Belli, Stuttgart Tragwerksplanung: Seibold Tragwerksplanung, Fellbach HLS-Planung: Ingenieurbüro Lutz, Gerlingen Baugrund: Wehrstein Geotechnik, Kernen im Remstal BGF: 800 m2 (Neu- und Umbauteil inkl. Bestand, ohne Hoffläche) BRI: 2 680 m3 (Neu- und Umbauteil inkl. Bestand, ohne Hoffläche) Baukosten: 500 000 Euro Bauzeit: Februar bis Oktober 2009
  • Beteiligte Firmen: Leuchten: XAL Xenon, www.xal.com Beschläge: u. a. FSB, Brakel, www.xal.com Schalter: GIRA, Radevormwald, www.xal.com Waschtische WC: Duravit, Hornberg, www.xal.com Lastenaufzug: hydraulik-liftsysteme walter mayer, Bruchsal, www.xal.com Tore: Pfullendorfer Torsysteme, Pfullendorf, www.xal.com
1 Laden, vermietet 2 Weinverkauf und -verkostung 3 Garage 4 Büro 5 Flaschenlager 6 Verarbeitung 7 An- und Auslieferung 8 Kopplungsraum zum Gewölbekeller 9 Tanklager 10 Kühllager

Fellbach (S. 42)

Christine Remensperger
1963 in Sigmaringen geboren. 1980-83 Ausbildung zur Raumausstatterin. 1984-89 Architekturstudium an der FH Biberach. 1989-94 Berufstätigkeit, seit 1994 eigenes Büro. Seit 2001 Professur an der FH Dortmund.
Christoph Gunßer
1963 geboren. Architekturstudium in Hannover, Stuttgart und den USA. Büropraxis. 1989-92 Assistenz am Institut für Städtebau, Wohnungswesen und Landesplanung, Universität Hannover. 1992 -97 in der Redaktion der db. Seit 1998 als freier Fachautor tätig.
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