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auf neuen Wegen: Bauen im historischen Bestand
Unaufgeregte Nachbarschaft

Für das Bauen im Bestand galt bis vor Kurzem die Losung, dass sich das Neue mit einem entschieden zeitgenössischen Auftreten vom Alten absetzen solle. Doch wenn jeder Neubau seine Neuheit inszeniert, verliert das Gewachsene seine Integrität. Zeit für eine Beruhigung.

Text: Arnold Bartetzky, Fotos: Antje Quiram, Falk Wenzel

Bauen im historischen Bestand gilt im heutigen Deutschland unumstritten als eine der zentralen Aufgaben der Gegenwartsarchitektur. Das war noch vor wenigen Generationen ganz anders. In ihrem 1957 erschienenen Buch »Die gegliederte und aufgelockerte Stadt« ächteten Johannes Göderitz, Roland Rainer und Hubert Hoffmann die gewachsenen Städte als das Ergebnis von »Fehlbildungen und Entartungserscheinungen«, denen nur mit einer »bis an die Wurzel des Übels gehenden Neuordnung« beizukommen sei. Sie formulierten damit ein Urteil, das in der Nachkriegszeit nicht nur die radikalen Vertreter der Moderne einte.
Das Ideal war demnach nicht die Weiterentwicklung, sondern die Beseitigung des Bestands. Die modernistische Hoffnung auf eine totale Tabula rasa blieb zwar in der Regel unerfüllt. Aber jahrzehntelang kamen die meisten Neubauten in Innenstädten einer Kampfansage an ihre älteren Nachbarn gleich. Großstrukturen wurden gegen Kleinteiliges gesetzt, offener Zeilenbau gegen geschlossenen Block, Flachdach gegen Satteldach, horizontale Fensterbänder gegen stehende Fenster. Eine Dialogfähigkeit gegenüber dem Alten, wie sie etwa Karljosef Schattner bei aller Modernität seiner Bauten in Eichstätt pflegte, war eine Ausnahme.
Zwang zum Kontrast
Erst seit den 70er Jahren setzte sich eine gewisse Bindung an den Kontext allmählich als Standard des innerstädtischen Bauens durch. Sie verhinderte aber nicht die Überspanntheiten und Exaltiertheiten, mit denen v. a. Bauten der Postmoderne in unlautere Konkurrenz zu ihren Nachbarn traten. Unter diesem Eindruck etablierte sich bei avancierten Architekten und Denkmalpflegern ein neues Leitbild für das Bauen im historischen Bestand. Es forderte formale Strenge und Respekt gegenüber der Nachbarschaft, aber auch ein unübersehbar zeitgenössisches Auftreten. Neubauten sollten Altbauten nicht übertrumpfen, aber sich ihnen auch nicht andienen. Sie sollten sich in Maßstab und Gesamtform einfügen, aber in Material und Einzelformen Selbstbewusstsein durch maximalen Kontrast zeigen. Ein »Spannungsfeld zwischen Alt und Neu« war gewollt, »Anpassungsarchitektur« verpönt. Ein Neubau, der nicht als solcher auffiel, galt als architektonischer Super-GAU oder – schlimmer noch – als Angriff der Retro-Front. Allein schon eine steinbekleidete Lochfassade konnte als verantwortungslose Nostalgie, als Verrat an der Moderne, ja als Ausdruck reaktionärer Bestrebungen gewertet werden.
Schnittige Stahl- und Glasfassaden wurden in den vergangenen gut zwei Jahrzehnten zum Signum eines Bauens im Bestand, das für sich nicht nur die Pflicht zur Zeitgenossenschaft, sondern letztlich auch politische Korrektheit reklamierte. Zu dessen idealtypischen Beispielen gehören etwa das sogenannte Glashaus in Schwäbisch Hall (1993, MGF Architekten, Stuttgart) oder das KPMG-Haus in Leipzig (1998, Schneider + Schumacher, Frankfurt). Auch der Neubau der Bundeskulturstiftung in Halle (Abb. 1, 2012, Dannheimer & Joos, München) folgt noch diesem Leitbild.
Mittlerweile sind aber auch dessen Probleme unübersehbar. Was sich heute ostentativ heutig gibt, kann bekanntlich schon morgen peinlich gestrig wirken. Plakative Zeitgenossenschaft altert schnell und meist nicht zum Vorteil. Zudem wirkt der didaktische Gestus der Alt-Neu-Kontraste auf Dauer penetrant. Schwerer noch wiegen die Auswirkungen auf den städtebaulichen Zusammenhang. Ein Stahl-Glas-Bau im steinernen Umfeld mag erfrischend wirken. Wenn jedoch jeder Neubau seine Neuheit in Szene setzt, verliert das Gewachsene seine Integrität.
Mut zur Unauffälligkeit
Von diesen Regeln mag es Ausnahmen geben. Auch Signalbauten der Gegenwart und harte Brüche können historischen Städten dauerhaft einen guten Dienst erweisen. Voraussetzung dafür sind aber eine künstlerische Sicherheit und ein Fingerspitzengefühl im Umgang mit der Nachbarschaft, wie sie die Arbeiten eines Karljosef Schattner, Carlo Scarpa oder Luigi Snozzi kennzeichnen. Von einem deutschen Durchschnittsarchitekten der Gegenwart ist aber beides leider meist nicht zu erwarten.
Umso wegweisender ist eine neue Tendenz beim Bauen im Bestand, die auf starke Kontraste und demonstrative Zeitgenossenschaft und Individualität verzichtet zugunsten einer Beruhigung des Stadtbilds und einer selbstverständlichen Nachbarschaft von Alt und Neu. Sie strebt eine Architektur des zweiten Blicks an, die sich selbst zurücknimmt und in den Dienst des Ganzen stellt, statt »Schaut, wie jung ich bin!« auszurufen, und sich auf das Detail konzentriert, statt mit starken Reizen um Aufmerksamkeit zu buhlen.
Der Mut zur Unauffälligkeit im historischen Umfeld und die Abstinenz gegenüber Moden der Gegenwart bedeuten keineswegs grünes Licht für betuliches Retrodesign. Wohl aber die Bereitschaft, sich auf Konventionen der Nachbarschaft einzulassen, etwa in Gestalt einer Lochfassade mit stehenden Fenstern und Dreiecksgiebel. Ein Beispiel für diese Haltung bietet die Lückenbebauung Scheuerstraße 3 in Wismar (2010, Hempel Architekten, Wismar), ein schlankes, spitzgiebeliges Haus, das die Wohnung und das Büro seines Architekten beherbergt. Die minimalistische Putzfassade wird nur durch einen dezent vorkragenden, mit Zinnblech bekleideten Erker akzentuiert. Die Form und Anordnung von Fenstern und Eingang orientieren sich an den Gliederungsprinzipien der Nachbarbauten, ohne diese sklavisch zu kopieren. Eine ähnlich höfliche, unaufgeregte Nachbarschaft pflegen auch neue Wohnhäuser in der Altstadt von Bad Mergentheim (2011, Eingartner Khorrami, Leipzig) oder in Stuttgart-Rotenberg (Abb. 2, 2009, Christine Remensperger Architektin, Stuttgart). Sie fügen sich behutsam in das Umfeld ein, machen auf den ersten Blick kein Aufhebens von ihrer Existenz und bestechen auf den zweiten Blick mit der Sorgfalt ihrer sparsamen Details.
Vorstoss des Bundesbauministeriums
Eine Auswahl von Beispielen solcher baulicher Zurückhaltung versammelt die im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung erarbeitete Publikation »Neues Bauen im historischen Kontext«, die voraussichtlich im kommenden Winter erscheinen wird, zu beziehen über buergerinfo@bmvbs.bund.de. Sie präsentiert Bauten für Kultur, Wissenschaft und Verwaltung ebenso wie Geschäfts- und Wohnhäuser. Dazu gehören auch einige vielbeachtete Projekte, darunter das Luther-Geburtshaus-Ensemble in Eisleben (2007, Springer Architekten, Berlin), das wohl als Markstein bei der Überwindung des Kontrastdogmas gelten kann. Das besondere Augenmerk dieser kleinen Auswahl vorbildlicher Gebäude gilt aber den alltäglichen Bauaufgaben. Und das ist gut so. Denn es sind v. a. die unprivilegierten, oftmals unter einem – alle guten Gestaltungsvorsätze korrumpierenden – Kostendruck entstehenden Bauten privater Investoren und der öffentlichen Hand, die über die Qualität der Stadträume entscheiden. Und gerade hier gilt es ganz besonders, Respekt und Sensibilität im Umgang mit dem Bestand zu fördern.
Noch vor einigen Jahren wäre so ein Vorstoß einer Institution des Bundes wohl undenkbar gewesen. Zu vermint war das Terrain in der Folge der ideologisch verbohrten Debatten um Stahl und Glas versus Stein und Putz – eine Alternative, die nur allzu oft mit der Dichotomie von Fortschritt und Reaktion gleichgesetzt wurde. Ein Eintreten des Bundesbauministeriums für eine Architektur, die sich um der Kontinuität willen in ihrem Innovationsdrang und Aufmerksamkeitsbedürfnis zurücknimmt, hätte sich wohl rasch den Vorwurf einer staatlichen Parteinahme für die Kräfte der Finsternis zugezogen.
Doch mittlerweile hat sich nicht nur das Debattenklima deutlich entspannt. Es wächst allmählich auch die Einsicht, dass unsere Städte nicht noch mehr effektheischende Architektur nach der Mode des Tages brauchen – sondern ein ästhetisch nachhaltiges Bauen, das sich bewährt, auch wenn sich die Zeitstile wandeln. •
Architekten: MGF Architekten, Stuttgart, www.mgf-architekten.de; schneider+schumacher, Frankfurt a. M., www.mgf-architekten.de; Dannheimer & Joos Architekten, München, www.mgf-architekten.de; Hempel Architekten, Wismar, www.mgf-architekten.de; Eingartner Khorrami, Leipzig, www.mgf-architekten.de; Christine Remensperger, Stuttgart, www.mgf-architekten.de; HEIDENREICH & SPRINGER, Berlin, www.mgf-architekten.de

Bauen im historischen Bestand (S. 34)
Arnold Bartetzky
1965 geboren. Studium der Kunstgeschichte in Freiburg, Tübingen und Krakau, Promotion 1998. Fachkoordinator für Kunstgeschichte am Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas in Leipzig. Lehraufträge an den Universitäten Leipzig, Jena und Paderborn. Regelmäßiger Autor der FAZ. Publikationen zur Architektur und politischen Ikonografie von der Renaissancezeit bis zur Gegenwart.
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