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Rathauserweiterung in Landsberg am Lech
Schmuckstück im Verborgenen

Einst kaum mehr als eine unbedeutende Hinterhofseite, bietet die Rückseite des barocken Rathauses in Landsberg durch den Erweiterungsbau heute eine zweite Schaufassade. Ergebnis ist ein stimmiges Ensemble, bei dem sich selbstbewusste zeitgenössische Architektur und feinfühliges Einfügen in den Bestand an keiner Stelle widersprechen.

    • Architekten: Bembé Dellinger Tragwerksplanung: merz kley partner

  • Kritik: Roland Pawlitschko Fotos: Bembé Dellinger, Stefan Müller-Naumann, Christoph Rehbach
Mit einer reich verzierten Stuckfassade und großen Fensterformaten präsentiert sich das zu Beginn des 18. Jahrhunderts von Dominikus Zimmermann erbaute Rathaus als prächtigstes Gebäude am Hauptplatz. Während die Stadtverwaltung bereits vor gut 70 Jahren in andere Gebäude ausgelagert wurde, verblieben hier einige repräsentative öffentliche Nutzungen. Im EG informiert das Fremdenverkehrsamt über Sehenswürdigkeiten und Veranstaltungen, in den drei OGs liegen einige prunkvoll mit dunklem Holz und Wandmalereien ausgestattete Räume: ein Trauungszimmer, der historische Sitzungssaal und der große Festsaal.
Um dieses Gebäude noch enger mit dem politisch-kulturellen Leben Landsbergs zu verknüpfen und den Standort zwischen Altstadt und Fluss zu stärken, initiierte die Stadt einen Architektenwettbewerb. Wichtiges Ziel war die Schaffung eines großen, modern ausgestatteten Sitzungssaals, zugleich sollten aber auch eklatante funktionale Mängel im Bestandsgebäude beseitigt werden – beispielsweise gab es bisher kaum Pausenflächen und Nebenräume etwa für Catering oder Garderoben; Aufzüge und öffentliche Toiletten fehlten ebenso wie eine barrierefreie Erschließung.
Ouvertüre für eine kraftvolle Architekturkomposition
Da der denkmalgeschützte Altbau keinerlei räumliches Potenzial für derlei Umstrukturierungsmaßnahmen aufwies, sah die Auslobung einen Erweiterungsbau im Innenhof vor. Die Architekten konzipierten hierfür ein dezidiert zeitgenössisches Gebäude mit großflächiger Verglasung und kupferner Streckmetallhülle, das mit dem Altbau eine bemerkenswerte formale und funktionale Einheit bildet. Vom Hauptplatz aus ist davon allerdings kaum etwas zu sehen. Den einzigen Hinweis auf das im Hof verborgene Schmuckstück liefern die neuen Glastüren und Fensterläden aus Tombak im EG, hinter denen sich links und rechts der als Hofdurchgang reaktivierten Mittelachse ein direkter Zugang zu den OGs des Altbaus bzw. das neu eingerichtete Fremdenverkehrsamt befinden. Die Anlaufstelle für Touristen bildet mit ihrem lang gestreckten Thekenmöbel und der schlichten Raumgestaltung – weiße Wand- und Deckenflächen, Boden in Weißbeton, Möblierung in dunkler Raucheiche – gleichsam die Ouvertüre für eine kraftvolle Architekturkomposition, von der die Besucher nach Passieren des Durchgangs überrascht werden. Dort erwartet sie nämlich kein düsterer Hinterhof, sondern eine sanft abfallende Passage, die sich zur rückwärtigen Salzgasse und zum Lech schrittweise aufweitet und die von dem sich dynamisch über den Weg schwingenden Neubau begleitet wird. ›
Streckmetall statt Stuck
Trotz des denkbar großen Kontrasts zur reich dekorierten Eingangsfassade und den Gewölbebögen des Durchgangs wirkt das neue Gebäude sofort vertraut und einladend. Das liegt einerseits an der bereits vom Tourismusbüro bekannten Architektur- und Materialsprache, andererseits am hohen Transparenzgrad der Fassade. Diese ist nahezu vollflächig verglast und in den OGs von einer durchgängigen Haut aus schuppenartig versetzten Streckmetall-Elementen aus Kupfer umgeben. Resultat ist eine feingliedrige Gebäudehülle, die den Baukörper durch ihren erdigen Farbton selbstverständlich in die Altstadtsilhouette integriert. Zugleich bietet die durchlässige Haut aber auch einen sehr guten Überblick über die klare Grundrissstruktur. V. a. bei eingeschalteter Innenbeleuchtung ist daher bereits lange vor Betreten des Neubaus erkennbar, dass der neue Sitzungssaal erhaben in den Innenhof auskragt, während der unmittelbar an einen Seitenflügel des alten Rathauses anschließende, konkav geschwungene Verbindungsbau neben der neuen Vertikalerschließung mit Aufzug auch die ebenerdig an den Altbau anschließenden Pausenfoyers beherbergt.
Sitzungen mit repräsentativer Würde
Mit seiner vollflächigen Verglasung und den von außen nach innen auf ganzer Länge durchlaufenden Stufen, Bodenbelägen und Deckenbekleidungen verschmelzen das neue Hauptfoyer und die Innenhofpassage zu einer optischen Einheit. Das EG wird als Ausstellungsfläche genutzt, hier befinden sich öffentliche Toiletten, Garderobe, eine Cateringküche und eine als Bar oder Ablage nutzbare Theke. In erster Linie aber dient das Foyer bei Veranstaltungen in den historischen Räumen oder im Sitzungssaal als zentraler Empfangs- und Verteilerbereich.
Über eine Treppe bzw. über den Aufzug erreichen Besucher das Pausenfoyer des 1. OG, von dem aus der Altbau wie auch der neue Sitzungssaal zugänglich sind. Dass dieser überwiegend für Stadtratsitzungen, durch einfache Demontage der festen Tischreihen aber häufig auch für andere Veranstaltungen genutzte Raum die gleiche repräsentative Würde aufweist wie der historische Sitzungssaal, hat v. a. zwei Gründe: Wesentlich ist zum einen die zurückhaltend elegante Auskleidung von Wänden, Boden und Decke mit dunkler Raucheiche, hinter der sich nicht nur einige technische Finessen befinden – vom versenkbaren Beamer über eine Verdunklungsanlage bis hin zur Live-Übertragungsmöglichkeit ins Foyer –, sondern auch eine Vollklimatisierung. Sie wird wegen der Verschattung durch ein hohes Nachbargebäude im Süden allerdings nur selten gebraucht. Für eine gewisse Noblesse sorgen zum anderen aber auch die erhöhte Lage und der Blick durch die schützende Streckmetall-Filterschicht auf die Dächer der Altstadt. Der durch Abrücken der Metallfassade entstehende Zwischenraum erzeugt dabei nicht nur eine angenehm plastische Innen- und Außenwirkung, hier verläuft auch ein Gitterroststeg, der sich zur Gebäudereinigung ebenso eignet wie als zweiter Rettungsweg – aufgrund ihrer hohen Stabilität dient die Metallfassade gleichzeitig als Absturzsicherung.
Eine heute unsichtbare, konstruktive Besonderheit bietet die weit auskragende Beton-Geschossdecke zwischen EG und Sitzungssaal. Da eine gewöhnliche ›
› Flachdecke mit der erforderlichen statischen Höhe von 50 cm wegen des hohen Eigengewichts nicht nur zu unerwünschten Durchbiegungen, sondern auch zu einer weit weniger luftigen Bauweise im EG geführt hätte, wurden in die Schalung rund 30 cm große Kunststoffkugeln integriert. Sie reduzieren das Gewicht der Decke erheblich, ohne deren Tragwirkung zu beeinträchtigen. Ebenfalls aus Gründen der Gewichtsersparnis wurde die Geschossdecke über dem Sitzungssaal als Elementdecke mit Beton-Hohldielen ausgeführt.
Respekt und Pragmatismus
Über dem Sitzungssaal liegt eine Dachterrasse, die allen Besuchern und Veranstaltungsteilnehmern des Gebäudeensembles offen steht und eine wunderbare Aussicht zum Lech und über die Altstadt eröffnet. Noch mehr Überblick bietet lediglich das oberste Geschoss des Verbindungsbaus – hier liegt auch der Hauptzugang zum bislang ganz ohne Vorraum erschlossenen Festsaal. Beim Blick nach unten auf die zahlreichen Rundwegmöglichkeiten wird klar, wie eng Alt und Neu miteinander verknüpft sind. Deutlich wird aber auch, dass die Hofseite des barocken Altbaus durch die schmale Anbindung zum Neubau hinsichtlich ihrer Wirkung und Belichtung kaum beeinträchtigt wird. Dieser Umstand steht exemplarisch für den sensiblen Umgang der Architekten mit alter und neuer Bausubstanz. Maßgeblich hierfür ist eine Mischung aus gegenseitigem Respekt und gesundem Pragmatismus, bei der sich weder das moderne Neue noch das prunkvolle Alte selbstverliebt in den Vordergrund drängt.
Von dieser Haltung ist in besonderer Weise auch das eigene Büro der Architekten im Schloss Greifenberg in der Nähe des Ammersees gekennzeichnet , wo sie drei Ebenen eines »Zehentstadels« mit minimalen Eingriffen in Arbeitsräume verwandelt haben. Mit viel Gespür für die Authentizität der Gebäudesubstanz entstand dort ein ebenso reversibler und kostengünstiger wie funktionaler und unkonventionell kreativer Umbau, der bei der Planung an der Rathauserweiterung in Landsberg sicherlich inspirierend gewirkt hat. •
  • Standort: Hauptplatz 152, 86889 Landsberg am Lech Bauherr: Stadt Landsberg am Lech, Projektleiter: Peter Huber, Stadtbauamt Landsberg a. L. Architekten (LP 1-5): Bembé Dellinger Architekten, Greifenberg; Felix Bembé und Sebastian Dellinger Projektteam: Alexander Schmidt Architekten (LP 6-8): Architekturbüro Edenhofer-Gerum Tragwerksplanung: merz kley partner, Dornbirn Energie- und Sprinklertechnik, HLS: Hofer & Hölzl, Fürstenfeldbruck Elektro- und Lichtplanung: Stich Ingenieure, Peißenberg (Fassadenbauer: AHS Fassadentechnik, Westerheim) BGF: 870 m2 (Neubau), 180 m2 (Altbau) BRI: 4 300 m3 (Neubau), 626 m3 (Altbau) Baukosten: 2,6 Mio. Euro Bauzeit: September 2007 bis Juni 2009
  • Beteiligte Firmen: Voroxidiertes Kupfergewebe/Streckmetall »Tecu«: KME, Osnabrück, www.tecu.com Stühle Sitzungssaal: »Bigframe«, Alias, Bergamo, www.tecu.com; (Tribüne:) »Catifa«, Arper, Monastier di Treviso, www.tecu.com Linoleum Tische: »Desktop«, Forbo Flooring, Paderborn, www.tecu.com Lüftungsflügel Sitzungssaal: Raico Bautechnik, Pfaffenhausen, www.tecu.com Decke Sitzungssaal: Cobiax Technologies, Darmstadt/Zug, www.tecu.com Fliesen WC: Winckelmans, Lomme Cedex, www.tecu.com Leuchten: Downlights »Panos« (Foyer und Treppenhaus) und Rastereinbauleuchte »Mirell« (Sitzungssaal), Zumtobel, Dornbirn, www.tecu.com; »6014« (Streckmetalldecke) und Wandeinbauleuchten »2237« und »3847«, Bega, www.tecu.com, Menden; Mastleuchte »Nightelements« (außen), Hess, Villingen-Schwenningen, www.tecu.com
1 Fremdenverkehrsamt 2 Durchgang 3 Eingangshalle Rathaus 4 Foyer 5 Hof 6 Sitzungssaal 7 Vorraum 8 Trauungszimmer 9 Dachterrasse 10 Historischer Ratssaal

Landsberg (S.16)

Bembé Dellinger
Felix Bembé
1969 in München geboren. 1994 Diplom an der Hochschule München. Seit 1997 gemeinsames Büro mit Sebastian Dellinger.
Sebastian Dellinger
1966 in Fürstenfeldbruck geboren. 1996 Diplom an der Hochschule München. Seit 1997 gemeinsames Büro mit Felix Bembé.
Roland Pawlitschko
1969 in Stuttgart geboren. Architekturstudium in Karlsruhe und Wien. Architekturtheoretische Arbeiten, Ausstellungen und Architekturführungen. Seit 1999 Architekt und freier Autor in München.
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