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… nachgefragt in Paris
Ein Österreicher an der Seine

Vor 17 Jahren entschloss sich der österreichische Architekt Dietmar Feichtinger, nach Paris zu gehen, um dort zu arbeiten – ein paar Brocken Französisch und sehr viel Begeisterung für Technik und Konstruktion im Gepäck. Mittlerweile ist er dort fest eta- bliert, mit einem Zweitbüro in Wien. Sein Leben hat er sich zwischen den Ländern und Baukulturen ein- gerichtet.

Text: Sebastian Niemann Fotos: David Boureau

Die Fußgängerbrücke »Simone de Beauvoir« war wohl das Pariser Bauwerk 2006 schlechthin. Sie wurde mit einer lobenden Erwähnung beim franzö- sischen Architekturpreis »Equerre d’argent« ausgezeichnet und ihr Foto zierte zur Jahreswende die Plakate der Neujahrswünsche der Stadt.
Die im Pariser Osten zu Füßen der Nationalbibliothek erbaute Brücke über die Seine setzt auf geradezu poetische Weise die Querung des breiten Flussbetts in Szene. Die von zwei unterschiedlichen Zugangsebenen ausgehende Wegeführung folgt in sanftem Auf und Ab dem ausgefeilten Tragsystem aus überlagerter Bogen- und Kettenlinie. Die filigrane Stahlkonstruktion schafft mit einer erhöhten Aussichtsplattform und einem »schwebenden« Platz neue Aufenthaltsorte am Wasser.
Das gekonnte Zusammenführen von Ingenieurbau und Architektur sowie die sorgfältige Ausarbeitung bis ins letzte Detail sind kennzeichnend für Dietmar Feichtingers Architektur. Wenn der Mittvierziger mit markantem österreichischen Akzent über seine Projekte spricht, funkeln seine Augen energiegeladen: »Bei der ›Passerelle‹ war ich der federführende Architekt. Wir haben alle Zeichnungen angefertigt – das ist ein sehr wichtiger Aspekt.«
In Frankreich nimmt der Österreicher somit eine ungewöhnliche Rolle ein, denn hier wird der Architekt eher als Spezialist für die Gestaltung ausgebildet: »Hier gab es ja die ›Ecoles des Beaux-Arts‹.« Bis zur Reform von 1968 erfolgte die Architektur-Ausbildung in den Kunsthochschulen; danach erst wurden eigenständige Architekturschulen gegründet. »Das ist einer der Gründe, warum es in Frankreich nur wenige Architekten gibt – fünfmal weniger als in Deutschland. Und seit dem Zweiten Weltkrieg ›
› gibt es einfach sehr viel Arbeit. Daher zogen sich die französischen Architekten auf ihre – vielleicht – Kernrolle als Entwerfer zurück. Im Gegensatz dazu sind die ›Bureaux d’études‹ groß geworden.« Bis heute übernehmen diese Büros die technische Arbeit an der Architektur und sind zuständig für Ausschreibung, Kostenschätzung und Details ohne gestalterischen Einfluss. Verantwortung und Honoraranteil an Projekten sinken dementsprechend für den Architekten. »Diese Rolle einzufordern, ist für uns, aus ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet, natürlich nicht besonders vorteilhaft.«
Feichtinger ist in seiner Denkweise von der technisch und wettbewerbsorientierten »Grazer Schule« geprägt, wo er bis 1988 studierte und auch gearbeitet hat. Ein Großteil seiner Mitarbeiter kommt auch heute noch aus Österreich und Deutschland: »Es ist viel einfacher, mit Leuten zu arbeiten, die eine ähnlich technische Ausbildung haben.«
Aufgrund der unterschiedlichen Interpretation der Rolle des Architekten kann Feichtinger auch von negativen Erfahrungen berichten: »Für ein von mir entwickeltes Detail wurde ich als ›Dubout‹ [1] beschimpft – ich wusste damals gar nicht, was das bedeutet!« Oder: »Auf der Baustelle der Hafenverwaltung von Gennevilliers hat sich eine Firma geweigert, bestimmte Details auszuführen. Einfach aus dem Grund, dass sie dafür keine Garantie hätten. Wir bauen jetzt in Klagenfurt 3000 Türen so ein, wie wir das in Gennevilliers für 25 Türen nicht geschafft haben …«
Genau dieses Engagement in den Details und vor allem die Federführung sind auch für das Projekt der Fußgängerbrücke wichtig: »Aber bei der Brücke ist es vielleicht auch deswegen anders, weil wir mit qualifizierten Spezialisten gearbeitet haben. Bei einer Firma wie Eiffel Constructions steht die Qualität des Details nicht in Frage, sondern es geht um die Art des Details.«
Bei seiner Ankunft in Paris 1989 stellte sich für den jungen Feichtinger dieser Unterschied jedoch paradoxerweise als Vorteil heraus. »Ich habe mir drei Tage Zeit genommen, um Arbeit zu finden: Der erste Tag war katastrophal! Ich sprach ja damals sehr wenig Französisch – eigentlich gar nicht. Ich hatte es per Telefon versucht, was total schiefging. Ich wollte schon nach Holland weiterfahren. Trotzdem habe ich mich entschlossen, noch einen Tag zu bleiben und bin mit der Mappe unter dem Arm in die Büros …«
Feichtinger fing wenig später im Büro von Phillipe Chaix und Jean Paul Morel [2] an: »Ja, das war schon ein guter Einstieg. Und tatsächlich ist die Sprache doch nicht das Wesentliche; man kann sich auch ›durchzeichnen‹. Und man lernt dann schneller ›étanchéité‹ [3] zu sagen, als ein Bier zu bestellen!«
In Frankreich brach mit den großen Projekten von Präsident François Mitterrand die Epoche einer neuen Architektengeneration an: »Damals, war ich der Fünfte im Büro Chaix & Morel – eine nicht gerade große Büro-Struktur. Und zu meinem Glück war das zum Zeitpunkt des Wettbewerbs für die Nationalbibliothek. … Die beiden Architekten waren da natürlich sehr präsent, aber dann haben sich die Verantwortungen ziemlich auf die ›Équipe‹ aufgeteilt. Jeder hat alles gemacht.«
Der Entwurf dieses Teams wurde als einer von vieren von der Jury prämiert, Mitterrand persönlich entschied sich schließlich für den Entwurf von Dominique Perrault. Ebenso wichtig war für Feichtinger die darauf folgende Arbeit an den Projekten für die Schule für Straßen- und Brückenbau in Marne la Vallée und das archäologische Museum in Saint Romain en Gal. »Das sind Gebäude, die leben von den Details, von der Technik. Die Projekte habe ich maßgeblich detailliert.«
Die Wahl, mit seiner Frau Barbara und zwei Kindern nach Paris zu gehen, war für Dietmar Feichtinger jedoch nicht nur beruflich motiviert: »Wir wollten ins Ausland, Paris war ein sehr spannender Ort – für mich damals von außen betrachtet. ›L’Architecture d’Aujourd’hui‹ war eine Standard-Zeitschrift bei uns im Büro. Auch die Paris-Exkursionen waren schon echte Highlights!«
»Österreich war ja noch nicht in der EU, und ich hatte große Schwierigkeiten, eine Arbeitsgenehmigung zu bekommen. Das österreichische Konsulat antwortete gar: Unmöglich! Aber was in Frankreich auch ganz gut geht, sind diese Zwischenwege, die sich dann finden …« ›
› Der Sprung von der »Provinz« in die Großstadt ist also reizvoll, aber nicht ganz einfach? »Sicher war davon etwas dabei! Die große Stadt war ein riesiger Anziehungspunkt. Aber auch Paris für sich genommen ist schon faszinierend. … Wir sind zwar immer noch Touristen hier und entdecken immer noch neue Orte. Aber diese ursprüngliche Faszination für die Stadt hat sich inzwischen gemäßigt. … Es kann auch sehr anstrengend sein: Zum Beispiel bin ich viel mit dem Motorroller unterwegs, und angesichts der Knoten, die der Verkehr macht, fragt man sich schon, warum die Leute sich das antun.«
Heute wechselt Dietmar Feichtinger problemlos die Sprache, wenn er zum Telefon greift oder mit verschiedenen Mitarbeitern spricht. Doch selbst wenn sprachliche und kulturelle Unterschiede mit der Zeit verblassen, erscheint der Weg in die Selbstständigkeit im Ausland dennoch schwieriger. Aber auch hier spielen Größe und Ausnahmestellung von Paris eine Rolle: »In den ersten Jahren erschien mir das eigentlich immer unrealistischer, mich selbstständig zu machen. … Wobei Paris wiederum gute Möglichkeiten bietet, dadurch dass auch die meisten Franzosen, die in Paris leben, zugezogen sind. Die Stadt hat schon eine sehr eigene Logik. Und es gibt sehr interessante Leute, die man kennen lernt, die auch Quereinsteiger sind.«
Zusätzlich zum 1994 gegründeten Büro »Feichtinger Architectes« entstand wegen der Vielzahl österreichischer Projekte inzwischen eine Filiale in Wien. Die erfolgreiche Teilnahme an verschiedenen Wettbewerben in der Heimat wirft erneut die Standortfrage auf. »Inzwischen ist die Situation für uns ziemlich unklar. Aber es gibt auch einfach ›banale‹ Gründe, die die Waagschale in eine bestimmte Richtung bewegen. Dadurch, dass in Frankreich Kinder schon sehr früh ganztägig im Kindergarten betreut werden, war es zum Beispiel für meine Frau einfacher, weiter im Büro zu arbeiten.«
Die Wechselwirkungen zwischen den österreichischen Wurzeln und dem Pariser Lebens- und Arbeitsmittelpunkt können sowohl als Vor- wie auch als Nachteil ausgelegt werden. »Es ist wie auf zwei Beinen zu stehen – oder zwischen zwei Stühlen zu sitzen … Für die Außenwirkung ist das sicher gut: Wenn man sich in Paris durchsetzen kann, stößt das in Österreich auf Interesse. Aber wenn man, wie wir zurzeit, über Wettbewerbe zu Projekten kommt, ist es wiederum weniger wichtig. Schließlich gibt es viele Bauherren, die gerne einen Architekten nehmen, der in ihrer Nähe ist.«
»Also, nach Frankreich zu gehen, um in Österreich Arbeit zu finden, ist sicher kein guter Plan – zumindest nicht als Prinzip …« •
Anmerkungen [1] Albert Dubout (1905–76), französischer humoristischer Zeichner u. a. von bizarren Konstruktionen [2] Das »Atelier d’architecture Philippe Chaix & Jean Paul Morel et associés« realisierte zahlreiche konstruktiv geprägte Gebäude u. a. für Büros, Veranstaltungen, Schulen und Museen. 2006 gewann das Pariser Büro mit dem Wettbewerb für das ThyssenKrupp-Quartier in Essen seinen ersten großen Auftrag in Deutschland. [3] Französisch für: Dichtung, Dichtheit, Undurchlässigkeit Alle Zitate stammen aus einem persönlichen Gespräch, das Sebastian Niemann am 7. März 2007 mit Dietmar Feichtinger in dessen Büro in Paris führte.
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